Paraderolle auf fremde Kosten

Westberliner Kulturpolitik gegen die Sowjetzone

C. R., Berlin, Ende Dezember

Eine vielleicht nicht sehr gewandte, aber tüchtige junge Ärztin in der Ostzone, die sich monatelang um den „Zuzug“ nach Westberlin bemüht hatte, resignierte schließlich. Sie rechnete nicht zu den „Verfolgten“, und Ärztinnen gibt es im Westen zuviel, im Osten hingegen zuwenig. Sie sah es sogar ein: der Westberliner und der westdeutsche Platz würden, wohl nie für alle Arbeitenden und Familien ausreichen, die sich unwohl unter Pieck fühlen. Aber, sagt die Ärztin, etwas tut der Westen ja nun doch für uns, die er zurückschickt. Und was das ist, verwundert sie sehr: In Westberlin wird alles hier Mögliche unternommen, um – ausgerechnet! – den Konzert; betrieb der Sowjetzone zu veröden. Eben mußten wieder Pianisten, Gerhard Puchelt und Helmut Roloff, ihre Gastspiele in Sachsen absagen, der Westberliner Kultursenator Dr. Joachim Tiburtius verlangte es so.

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Puchelt und Roloff unterrichten – wie fast alle bedeutenden Solisten Westberlins – an der Hochschule für Musik. Und das Mitteilungsblatt des Berliner Abgeordnetenhauses vom 1. November 1952 drückte es endlich einmal deutlich aus: „Durch eine grundsätzliche Anordnung vom 13. November 1951 ist das Konzertieren von Mitgliedern des Lehrkörpers der Hochschulen für Musik im Ostsektor und in der Ostzone von der ausdrücklichen Genehmigung des Senators für Volksbildung abhängig gemacht worden. Solche Genehmigungen werden nur in sparsamer Weise erteilt.“

Sehr sparsam genehmigt Professor Tiburtius hier in der Tat. Konzerte in den „Prestigestädten“ Dresden und Leipzig erlaubt er seit einiger Zeit prinzipiell nicht mehr. Warum, das ist oft, mal präzise und mal mehr pathetisch, gesagt werden. – Die „Kulturfassade vor den KZ.s“, absolute Musik als von den Machthabern ausgeteiltes Narkotikum – das sind Metaphern, mit denen nicht nur der Senator den niemals zu leugnenden Mißbrauch der Kunst unter dem totalitären Regime umschreibt. Die Metaphern treffen die Sache durchaus. Nur fragt sich, ob wirklich eine in westlicher Freiheit schwelgende Stelle darüber wachen soll, daß die deutschen Untertanen Stalins ihre politischen Beschwerden nicht mit Beethoven-Sonaten betäuben, jedenfalls nicht mit erlesen gespielten. Denn die erste Garnitur der Solisten und Dirigenten hat sich längst nach dem Westen durchgeschlagen, kann also im Osten nur noch gastweise zu hören sein.

Die Kulturfassade vor den KZ.s verstimmt, mit Recht. Aber solange noch Ostflüchtlinge durch westliche Kommissionen in die Nähe der KZ.s zurückgezwungen werden, solange man die nicht, „anerkannten“, die unprominenten und ungeschickten, die – im Gegensatz zu den drallen und freundlich aufgenommenen Volkspolizisten – auch nicht wehrfähigen Ostbewohner dem Alltag der Zone von neuem ausliefern zu müssen meint, solange wirkt die Ängstlichkeit in Konzertfragen Kaum angemessen.

Gegen Darbietungen, die keine politische Vorrede, kein Ulbricht-Zitat und keine Friedenstaube auf dem Programmheft in ihrer Reinheit bedroht, hat Professor Tiburtius natürlich nichts. Private Agenturen, Konzerte in Kirchen oder oppositionellen Bürgerhäusern – etwa bei einem mutigen Buchhändler – empfiehlt er sogar.

Nur, daß die privaten Agenturen in der Ostzone aufgelöst sind, aufgesogen vom „Deutschen Veranstaltungsdienst“. Nur, daß man in Kirchen beispielsweise keine Flügel einschleppen kann. Und daß es den verwegenen Buchhändler unter der gegenwärtigen Diktatur nicht gibt – oder wenigstens nicht zu geben braucht. Und daß er, falls er existiert, doch nur einen kleinen Kreis um sich versammeln könnte.

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