Der Fluch von Oradour

Eine Tat mörderischen Wahnsinns und ein Menetekel – Von Marion Gräfin Dönhoff

Eine Frau wird in dem Prozeß gegen Angehörige der SS-Panzerdivision „Das Reich“, der am 12. Januar in Bordeaux beginnt, aussagen. Sie ist die einzige überlebende Frau aus dem Dorf Oradour-sur-Glane in Mittelfrankreich, das am 10. Juni 1944 von einer Kompanie des Regiments „Der Führer“, das zu jener Panzer-Formation gehörte, niedergebrannt wurde. Alle anderen Frauen und auch Kinder – es waren mehr als 400, die sich in die Kirche des Ortes geflüchtet hatten – sind in einem unfaßlichen Ausbruch von Blutrausch und Wahnsinn auf Befehl des Sturmbannführers Dieckmann vernichtet worden: Man warf Handgranaten in die mit Frauen und Kindern gefüllte Kirche und steckte schließlich das abgeriegelte Gebäude an. Alle 180 Männer des Ortes, bis auf fünf, die verwundet entkamen, wurden derweil zu einzelnen Gruppen zusammengetrieben und erschossen. Schließlich wurden alle Gebäude des Dorfes in Brand gesteckt.

Dieser Vorgang hatte eine im Grunde belanglose Vorgeschichte, belanglos, weil es keinen Anlaß gibt, der ein solches Blutbad je rechtfertigen könnte. Es waren nämlich in jener Gegend am Vortage ein Bataillonskommandeur des Regimentes sowie der Obersturmführer Gerlach und dessen Fahrer vom Maquis gefangengenommen worden. Gerlach und sein Fahrer waren zunächst nach Oradour gebracht worden und dann von dort aus in einen nahegelegenen Wald, wo sie erschossen werden sollten. Gerlach, dem es gelang, zu entfliehen, kehrte zu der Panzerdivision zurück und berichtete diesen Vorgang. Der Regimentskommandeur beauftragte daraufhin den Sturmbannführer Dieckmann, mit der 3. Kompanie nach Oradour vorzudringen, festzustellen, ob der verschwundene Bataillonskommandeur dort gefangengehalten werde, und etwa vorhandene Mitglieder des Maquis als Gefangene mitzubringen – offenbar, um sie gegebenenfalls gegen den verschwundenen Offizier auszutauschen. Dieckmann hielt sich jedoch nicht an den Befehl, sondern mordete und zerstörte aus eigener Initiative, wobei er entgegen der Wahrheit in seiner Meldung angab, es sei ihm in Oradour Widerstand durch Angehörige des Maquis entgegengesetzt worden.

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Noch am gleichen Abend gab der Kommandeur der Division „Das Reich“, Brigadeführer Laemmerding, Befehl, ein Kriegsgerichtsverfahren gegen Dieckmann zu eröffnen. Der zuständige Chefrichter Okrent berichtet darüber: „Mit der Durchführung der Ermittlungen gegen Dieckmann konnte ich nicht sofort beginnen, weil das Regiment sogleich im Eilmarsch an die Normandie-Front geworfen wurde und der Divisionsstab außer der sogenannten kleinen Führungsstaffel zunächst zurückbleiben mußte (die Division „Das Reich“ hatte nach der am 6. Juni begonnenen Invasion den Befehl bekommen, von ihrem Standort Toulouse nach Nordfrankreich abzumarschieren). So kam ich erst einige Tage später in das Kampfgebiet Normandie. Hier erfuhr ich, daß Dieckmann gleich in den ersten Einsatztagen seines Bataillons gefallen sei. Vom Divisionskommandeur wurde mir mitgeteilt, daß auch die Armee, der wir damals unterstellt waren, die Einleitung eines Kriegsgerichtsverfahrens gegen Dieckmann verlangt hatte, da der Oberbefehlshaber West durch französische Stellen Kenntnis von den Vorfällen in Oradour-sur-Glane erfahren hatte. Da Dieckmann gefallen war, versuchte ich zunächst, den Kompaniechef der 3. Kompanie – Hauptsturmführer Kahn – zu vernehmen. Dies gelang mir erst nach einigen Tagen, da das 1. Bataillon dauernd an der Kampffront hin- und hergeworfen wurde. Meine Versuche, weitere Angehörige der 3. Kompanie zu vernehmen, waren ergebnislos, da die Kompanie inzwischen in den härtesten Einsätzen fast restlos aufgerieben und sogar der Nachschub entweder gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft geraten war. Zu dem Zeitpunkt, als ich Kahn vernommen hatte, war kein Angehöriger der 3. Kompanie, der an der Aktion Oradour teilgenommen hatte, mehr bei der Kompanie. Kurze Zeit nach der Vernehmung des Kahn erfuhr ich, daß dieser sehr schwer verwundet und von der Truppe fortgekommen sei.“

Auch die obersten Wehrmachtsstellen in Frankreich, so der Militärbefehlshaber General von Stülpnagel wie auch der OB West, die Feldmarschälle von Rundstedt und später von Kluge (deren Jurisdiktion die SS allerdings nicht unterstand), haben sich, wie vielfältige Zeugnisse beweisen, bis in den März 1945 hinein bemüht, den Fall Oradour kriegsgerichtlich aufzuklären. Aber weder den Franzosen noch den Deutschen ist es gelungen, festzustellen, wie es zu jener Wahnsinnstat gekommen ist. Inzwischen sind annähernd neun Jahre darüber hingegangen, und man muß bezweifeln, ob sich aus den Aussagen der 19 jetzt vor Gericht kommenden SS-Männer der 3. Kompanie (gegen 40 weitere wird in absentia verhandelt) irgend etwas Aufschlußreiches ergibt. Denn sie alle standen auf der untersten Stufe der militärischen Hierarchie und waren zum Teil damals junge Rekruten. 12 der 19 Angeklagten sind übrigens Elsässer, also französische Staatsangehörige.

Die sonst üblichen Klischees passen nicht auf diesen Fall. Weder können die Franzosen sagen, Oradour sei typisch für die deutsche Brutalität, denn in diesem Fall ist sofort, obgleich es sich um die, SS handelte, von den verantwortlichen Vorgesetzten ein Kriegsgerichtsverfahren eingeleitet worden; noch können die Deutschen, die sich gewöhnlich in mißverstandenem Nationalgefühl für jeden verurteilten Landsmann einsetzen, behaupten, daß es sich hier um unschuldige Märtyrer handelt. Es wird schwer sein, heute, nach neun Jahren, nachzuweisen, wer persönlich die Hand gereicht hat zu jenem Verbrechen. Und die sogenannte Lex Oradour, die besagt, daß jeder, der zu einer Einheit gehörte, welche sich an Kriegsverbrechen beteiligt hat, ohne Rücksicht auf Schuldausschließungsgründe kollektiv mitschuldig sei, wenn er nicht seine individuelle Schuldlosigkeit nachweisen kann, ist gewiß keine rechtlich befriedigende Lösung. Doch das alles mag Sorge der Richter sein, denen in diesem Prozeß eine schwere Aufgabe zuteil wird.

Wir aber als Zeitgenossen und Beobachter, gleichgültig welcher Nationalität, sollten uns klar darüber sein, daß jene Szene aus der Unterwelt, aufgeführt mitten in Europa, fern der östlichen Sphäre, uns alle angeht und nicht nur die Akteure. Es geht uns alle an, weil dieses grauenhafte Geschehen nur möglich ist in einer Zeit, die das Bewußtsein verloren hat, daß jeder Mensch als Geschöpf Gottes einmalig und darum unersetzbar ist. Gewiß, das totalitäre System Hitlers, das die geistig Armen umbrachte, weil sie unnütze Esser seien, das „biologisch wertvolle“ Menschen züchten wollte und „bevölkerungspolitisch Wertlose“ ausmerzte, hat dieser äußersten Demoralisierung erst zum Durchbruch verholfen – der Keim aber zu diesem unmenschlichen Denken des totalitären Regimes steckt in der modernen Zivilisation. Einer Zivilisation, die den Menschen zum Roboter macht, die Altäre durch Schreibtische und den Geist durch Mechanismen ersetzt.

Die Tatsache, daß jene Deutschen und Elsässer, die sich wahrscheinlich von anderen jungen Menschen bis zum 9. Juni 1944 nicht wesentlich unterschieden, an diesem Tage zu Mördern wurden, sollte uns allen zu denken geben. Es sollte uns vor Augen führen, daß die Entscheidung, ob in unserer Zivilisation der Geist überlebt oder die menschliche Gesellschaft zur Maschine wird, allein von uns abhängt – von der Einstellung jedes einzelnen zu seinem Leben und dem des anderen.

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