Dilettanten an der Arbeit
Bevor man einen Stein ins Wasser wirft, sollte man sich überlegen, bis zu welchem Ufer die Wellen dringen können, die man dadurch hervorruft. Dies ist der Sinn der großen Diplomatie und aller auswärtigen Politik. Daß die Bundesrepublik sich bereit erklärt hat, für das von den Nazis an den Juden verübte Unrecht eine Buße zu zahlen, wird von allen anständigen Deutschen gebilligt. Daß diese Verhandlungen Dilettanten anvertraut wurden, mag aus der Überschätzung zu erklären sein, die der Beruf des Professors neuerdings im Auswärtigen Amt erfährt. Man hat dort auch nicht daran gedacht, rechtzeitig, für diejenigen Länder, die mit dem Lande Israel immer noch im Kriegszustand leben, deutsche Vertreter zu ernennen, die Bonn über die dortige Stimmung und die Rückwirkungen, die ein deutsch-israelischer Vertrag haben müßte, hätten unterrichten können. Angesichts der Tatsache allerdings, daß die Berichte unserer Botschafter und Gesandten in Bonn von maßgeblicher Stelle kaum gelesen, geschweige denn verarbeitet werden und daß man ganz gewiß aus ihnen keine Konsequenzen zieht, ist diese Unterlassung für die Verhandlungen nicht, so schwerwiegend gewesen. Jetzt aber zeigt sich endlich ganz deutlich; was wir von Anbeginn an vorausgesagt haben, daß man in Bonn in keiner Weise daran gedacht hat, auch nur darüber zu spekulieren, an welchen Ufern die Wellen branden würden.
Um die mohammedanischen Staaten, bei denen wir bis vor kurzem noch die angesehenste unter den westlichen Nationen waren, über die Vertragsabschlüsse mit Israel zu beruhigen, wurde eine Delegation unter der Führung des Staatssekretärs Westrick nach Kairo geschickt. Sie ist jetzt unverrichteten Sache zurückgekehrt. Wenn sie demnächst vielleicht zum zweitenmal ausreisen sollte, wird sie möglicherweise einen für uns nicht sehr günstigen Vertrag mit nach Hause bringen, aber die alte Freundschaft zu den mohammedanischen Ländern der Welt wird so leicht nicht wieder hergestellt werden können.
Jedoch noch etwas anderes haben wir hervorgerufen: eine Steigerung des Antisemitismus in den arabischen Ländern und auch eine Stärkung ihrer Tendenz, bei den Sowjetrussen Anlehnung zu finden. Gewiß wollen wir Bonn nicht dafür verantwortlich machen, daß dieser Antisemitismus jetzt aus Propagandagründen in allen kommunistischen Staaten gepflegt wird. Aber wie hier aus einer unbedachten Handlung eine Kettenreaktion entstanden ist, sollte man doch im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik ernsthaft für kommende Fälle studieren. Es hätte, darauf haben wir mehrfach hingewiesen, auch andere Möglichkeiten gegeben, Entschädigungen in gleicher Höhe den Juden zukommen zu lassen. Man hätte sich der UNO oder des Jüdischen Weltbundes bedienen können. Es war nicht nötig, mit dem Staate Israel zu verhandeln, der sich mit Ländern im Krieg befindet, mit denen wir befreundet sind. gl



