Nairobi, 15. April

Der frühere britische Kommandant von Berlin, Generalmajor Robert Hinde, der vor einigen Tagen mit der Unterdrückung des Mau-Mau-Terrors in der britischen Kolonie Kenia beauftragt wurde, kündigte neue Maßnahmen gegen die Mau-Mau an. Hinde betonte, es stünden ihm jetzt genügend Truppen zur Verfügung, so daß er hoffen könne, seine Aufgabe in absehbarer Zeit zu lösen. Seine Befriedungspolitik werde sich in erster Linie auf die Polizeikräfte der Kolonie stützen. Er beabsichtige, über das ganze Unruhegebiet starke Polizeiposten zu verteilen, deren Aufgabe es sei, die Sicherheitszone immer weiter auszudehnen. Die Kikuju-Heimwehren werden im Kampf gegen die Mau-Mau eine wichtige Rolle spielen. Außerdem beabsichtige er, eine Selbstschutzorganisation der Europäer aufzustellen. Hinde kündigte an, daß das Gegeneinanderarbeiten der einzelnen Regierungsstellen, über das die Farmer häufig klagten, ein Ende finden werde. Wer sich der Zusammenarbeit aller Stellen nicht fügen wolle, werde rücksichtslos aus seinem Amt entfernt werden. Über das zukünftige Schicksal des Kikuju – Stammes könne erst entschieden werden, wenn der Bericht einer Untersuchungskommission vorliege. AP.

Eine Heirat bei den Kikuju erforderte komplizierte Ermittlungen über die Unbescholtenheit der Erwählten, die von den beiden Familien angestellt wurden. Auch war zu prüfen, ob die jungen Leute Zweigen des Stammes angehörten, denen die Heirat miteinander erlaubt war. Die Kikuju sahen streng darauf, daß keine Verwandtschaftsehen zustande kamen. Danach mußte noch der Rat des Medizinmannes eingeholt werden, der auch aus den Eingeweiden eines für ihn geschlachteten Schafes den günstigsten Tag der Hochzeitsfeier bestimmte. Nach Vereinigung des Paares wurde eine große Hütte gebaut, die allein der Frau gehörte, und zum nächstmöglichen Termin eine kleinere, die für den Mann bestimmt war und in der er seine Freunde empfing. Wenn der Frau allein die Arbeit zu schwer wurde und die wirtschaftliche Lage es erlaubte, wählte sie unter den Freundinnen ihrer Altersgruppe ein Mädchen, das als zweite Frau aufgenommen wurde. Auch ihr wurde eine Hütte gebaut. Nur, wenn der Mann eine eigene Hütte besaß, war es möglich, daß ein Mädchen, das als erste Frau nicht hatte unterkommen können, nachts zu ihm kam, um sich als zweite Frau anzubieten. Heute sind die Männer oft nicht mehr in der Lage, getrennte Hütten für ihre Frauen bereitzustellen, und daraus erwächst viel Unfrieden.

Aber nicht nur das Leben der Stammesangehörigen verlief in geregelten Grenzen, deren Nichtbeachtung zur Ausstoßung aus ihrer Altersgruppe führte und sie zu Parias machte – auch Ackerbau und Viehzucht unterlagen bestimmten Gesetzen, ebenso die Pflege des Baumbestandes in ihrem Wohngebiet. Einzelstehende große Bäume wurden als Wohnungen von Geistern verehrt, und mußte aus unausweichlichen Gründen ein solcher gefällt werden, so trug man Sorge, die Geister möglichst behutsam zu behandeln. Der ganze Stamm zog mit dem Medizinmann an der Spitze zum Baum. In langen Zeremonien wurden die Geister von der Notwendigkeit des Kommenden in Kenntnis gesetzt und gebeten, sich in die großen Äste, die man mitgebracht hatte, zurückzuziehen. Bis zum nächsten Morgen blieben die Äste dann an den Baum gelehnt, und eine feierliche Prozession führte sie anderen Tages in den nächsten Wald, in der Hoffnung, daß die Geister nun ungekränkt dort Wohnung nehmen würden.

Alle diese Sitten und Gebräuche hat der Kontakt mit der Zivilisation der Weißen gelockert, ja fast vernichtet. Die christliche Religion hat die alten Geister zwar nicht ganz verdrängen können, der

alte Heidenglaube ist zum Aberglauben geworden und der neue, der christliche Glaube, noch kein fester Halt. Die Wirtschaftslage hat sich verschlechtert. Not trieb viele der unsicher Gewordenen in die Städte. Und dort sind sie eine leichte Beute von Mau-Mau geworden.

Als der Mißmut über die Landbesitznahme der Weißen immer größer wurde – es war die Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg – machte die englische Regierung mit den Stämmen Kenias feierlich beschworene Verträge. Einem jeden von ihnen und auch den weißen Einwanderern wurden begrenzte Distrikte zugewiesen, in denen sie für alle Zeiten ungeschmälert sollten leben können. Man nannte sie Reservate. Schon vier Jahre später aber gelüstete es die Weißen nach dem Laikipia-Plateau, das den Masais zugesprochen war. Mit ihnen wurde der Vertrag also doch wieder geändert, aber sie zogen sich gutwillig aus dem zum Siedeln günstigen Hochland zurück und wurden mit der Erweiterung ihres Steppenanteils abgefunden. Ihr Gebiet reicht heute bis an die Grenze Tanganjikas, und hier führt dies aussterbende Volk – es sind ihrer nur noch 30 000 – sein hartes, herrliches und auskömmliches Dasein. Sie sind das nobelste Volk unter den Afrikanern, das nobelste, aber auch das arroganteste. Sie dulden keine Einmischung in ihre Angelegenheiten. Sie nehmen nie einen Dienst an, es sei denn als Jäger und Fährtensucher bei den Safaris der Weißen. Und auch kein Missionar hat noch bei ihnen Erfolg gehabt. Man hat neuerdings freilich versucht, hundert ihrer jungen Krieger bei den Aktionen gegen die Kikuju im Urwald der Abadares einzusetzen. Aber die Masais, die sich mit den Frauen ihres eigenen Stammes nicht genügend vermehren – sie leiden an Syphilis –, nehmen vielfach Kikujufrauen zur Ehe. Daher ihre Sympathie für die Kikuju. Nach kurzer Zeit haben sich die Masaikrieger von der „Menschenjagd“ zurückgezogen und sind heimgekehrt.