Wo der Grubenhund bellte

von Otto F. Beer

Von Otto F. Beer

Wien, Anfang Juni

Unter einem Grubenhund versteht man überall eines jener kleinen Wägelchen, mit denen die Bergleute in ihre Stollen einfahren, überall, nur nicht in Wien. Da versteht man darunter eine bestimmte Art von Leserzuschriften an Zeitungen und Zeitschriften, die den weltanschaulich schwachen Punkt des Blattes geschickt dazu benutzen, einen durchschlagend blamablen Witz in die Zeitung zu praktizieren. Daß dem Wort „Grubenhund“ diese Bedeutung zugewachsen ist, dankt man einem Manne, der heute schon ein betagter Fabrikbesitzer ist; doch sieht man seine weißhaarige, hochgewachsene Erscheinung immer noch in bestimmten Kaffeehäusern. Es ist der Ingenieur Arthur Schütz, der vor nunmehr über 20 Jahren zum ersten Male ein Büchlein bei Jahoda und Siegl herausgab, in dem er bekanntgab, daß er der Urheber all jener koboldhaften Untaten sei, die in Wiener Zeitungen im Laufe der Jahre unter der Rubrik „Leserzuschrift“ erschienen waren. Das war 1931; und die Verleger dieses Bandes brachten außer Arthur Schütz nur noch einen einzigen Autor heraus: Karl Kraus. Seither ist diese kritische Kostbarkeit verschwunden. Sie wurde während des Krieges in Wien heimlich weiter- und manchmal nicht mehr zurückgereicht. Nun aber ist Der Grubenhund von Friedrich Torberg eingeleitet, im Wilhelm-Frick-Verlag neu erschienen, und da kann man also all die journalistischen Eulenspiegeleien des Herrn Schütz nachlesen. Viele von ihnen sind markerschütternd, und nie fehlt es ihnen an tieferer Bedeutung.

Die Tätigkeit des Herrn Schütz begann, als 1911 die „Neue Freie Presse“ für ihre Leser ein Erdbeben veranstaltete. Irgend einmal hatte der Boden ein wenig gezittert, so harmlos, wie er es in Wien zuweilen tut. Aber die „Presse“ ließ sich nun wochenlang aus allen Teilen der Monarchie schreiben, daß auch im Hause des Kommerzialrats die Gläser im Schrank klirrten und bei der Frau Ritter von... der Fußboden geknistert hatte. Was Rang, Namen und Titel hatte, wollte seinen Beitrag zum Erdbeben des Leibblattes der k. u. k. Gesellschaft liefern. Da erschien eines Morgens die Zuschrift eines Ingenieurs aus dem Ostrauer Kohlenrevier (auch er war Ritter von...), gespickt mit einer Fülle unverständlicher technischer Fachausdrücke. Am nächsten Morgen wurde Wien von homerischem Gelächter erfüllt, denn viele Leser hatten diesen unverständlichen Wust eben doch verstanden und als Unsinn erkannt. Da zeigte während des Erdbebens „der 400pferdige Kompressor, der den Elektromotor für die Dampfüberhitzer speist, eine auffällige Varietät der Spannung“, oder: „ein heftiger Stoß löste eine Verschiebung des Hochdruckzylinders an der Dynamomaschine aus, und auf dem Höhepunkt begann der in der Ecke des Laboratoriums schlafende Grubenhund laut zu bellen.“

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Mehr war nicht nötig. Die journalistische Fauna war um eine neue Spezies bereichert, und bald tauchte der Grubenhund fröhlich wedelnd in allen Zeitungen auf, die Herrn Schütz mißfielen. Er war ein weit geistvolleres und edleres Tier als seine arme Verwandte, die Zeitungsente. Er war immer scharf auf den schwachen Punkt einer Zeitung abgezielt, benützte die weltanschauliche Blindheit, in der man gern alles glaubt und druckt, um wahre Ungeheuerlichkeiten zu produzieren, und wechselte die Gewandung. In einer schwarzgelben Zeitung gab er sich als Oberst Franz Nawratil (ehem. v. Freyenwehr) aus, in der „Neuen Freien Presse“ (seinem bevorzugten Jagdgebiet) als Kommerzialrat, und als einmal auf den König Boris von Bulgarien ein Attentat verübt wurde, ließ Schütz sogar sein eigenes Photo als dasjenige des Königs in die „Stunde“ des Herrn Bekessy einrücken.

Schütz erfand als nahen Verwandten des Grubenhundes in einem Beschwerdebrief über die Lärmplage die Laufkatze, die mit ihren Jungen ein mörderisches Miauen verursache. Er beschwerte sich in fachmännisch getarnter Sprache darüber, daß auf den österreichischen Bahnen neuerdings ovale Räder und feuerfeste Kohle verwendet würden. In der snobistischen Gesellschaftsrubrik des „Neuen Wiener Journals“ berichtete er über eine aristokratische Heirat, bei der die Personen aus Schillers „Maria Stuart“ in etwas konfuser Weise durcheinander heirateten, wobei ein Herr „Wilhelm Davison, Generalmanager der Burleigh-Seifenfabriken Mortimer & Dudley Limited, Leicester-Budapest“ auftrat.

Der Trick Adolf Schütz’ war immer derselbe: er kaptivierte die Redaktionen in dem Punkt, in dem sie rot sahen und alles hinnahmen. In der antisemitischen „Deutsch-österreichischen Tageszeitung“ wetterte er gegen die jüdische Psychoanalyse, sprach als echter Grubenhund von „kynognostischer Psychotherapie“ und erklärte: „Die Konstitution des germanischen Nervensystems neigt zu keinen Neurosen.“ In der „Reichenberger Zeitung“ wedelte er als Dr. Wolfgang Dobermann zur Tür herein und brachte ein Rubenssches Abendmahl von Leonardo da Vinci an den Mann. Aber eine seiner glanzvollsten Taten vollführte er in dem linksradikalen Radaublatt Carl Colberts „Der Abend“. Hier empörte er sich darüber, daß in diesen Notzeiten der Industrielle Reitzes erst kürzlich 600 000 Kronen ausgegeben habe, um „einen kleinen bissigen King-Charles-Cowlbairt zu erwerben; ein wirklich unnützes Tierchen, das durch sein unablässiges Gekläff unliebsames Aufsehen erregt“. Niemand von der Redaktion erkannte in diesem King-Charles-Cowlbairt den Herausgeber des Abend – wohl aber die Leser.

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