Feuilleton
Träumereien in Köln
Kein ha(in diesenTagen seinen„Ausstellungssommer" eröffnet: die Domstadt präsentiert sich vielen kunstsfreudigen Gästen von nah und fern. Dies mag der Anlaß sein, an den Besuch eines herUhintsn Franzosen zu erinnern. Erinnerungen und Träumereien in Köln—-so lautet der Titel eines Kapitels in dem vor 45 Jahren erschienenen und sowohl berühmt als auch in einigen Ländern verhaßt gewordenen Buches, das Octave Mirbeau nach der Nummer seines. Autos „La 628 E 8" nannte» Es-berichtet über eine Fahrt.durch Belgien, Holland und die Rheinlande. Sonderbarerweise ist das Buch: in Deutschland ohne Wirkung geblieben, obgleich es ein. bedeutendes Dokument des Verständigungswillens. eines Franzosen bedeutete, Zeugnis einer der wirkungsvollsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Denn Mirbeau hatte damals schon die „Jardins des Supplices" geschrieben; »ein „Tagebuch einer Kammertrau" hatte gewal- . tige Auf lagen, und seine Komödie „Geschäft ist Geschäft'' wurde aufgeführt, wo irgend in der .Welt ein Theater,war. . ■ . • ■■ . ;
Auf der Fährt von der holländischen Grenze nach Köln denkt Mirbeau ohne sachlichen Anlaß an den Krieg von 1870, und nun schreibt dieser Mann, der fürwahr, widerspenstig und streitsüchtig war, wie dies in der Provinz der gallischen Geistigkeit üblich ist, und der sich kein X für ein U vormachen ließj - folgende Sätze gegen den damaligen Revanche-, gedenken: „Wir hätten nichts von einer deutschen Sehwädic zu gewinnen... wir hätten alles zu verlieren'.. Ein ruiniertes Deutschland wäre ein universelles Unheil. Deutschland ist ehrlich, arbeitsam, durchhaltend; es macht eine ungeheure Anstrengung, wert der Bewunderung ... Es verdient, in dieser Anstrengung unterstützt zu werden, die eine Anstrengung der Gesittung ist."
Mirbeau war ein sensitiver Reisender, wie die meisten Reisenden, die in ihre Tätigkeit verliebt sind. Und wie es bei einem Liebenden stets der Fall ist, so beantworten seine Impulse aufs launischste die Launen der Umwelt, des Gegenstandes seiner Verliebtheit. Doch leider kam er erst in der Nacht nach Köln. Mit dem Motor, damals noch ein Ding von gewissem Seltenheitswert, hatte er Mißgeschicke, Pannen gehabt, und er war verärgert. Und übellaunig verbrachte er einen ersten Abend im Dom-Hotel, das, wie. er notiert» „vom Schatten der' kolossalsten Kathedrale der Welt" bedrückt' wird. Grantig würgt er das Essen. Alpdrücken, verfolgt seinen Schlaf. Aber am nächsten Tag sieht er in einem schönen Buchladen die Briefe Balzacs, nimmt sie mit ins Hotel und läßt sich durch, • diese Lektüre zu einer Gemütsverfassung zurüekleiten, die ihm erlaubte, im Dom nicht nur die „kolossalste Kathedrale der Welt" zu sehen. Er nin#rt die Einladung, zu einem Essen in einem Kölner Hause an, und nun. beginnen die „Träumereien". Er lernt an diesem und den folgenden Tagen; Kölner Frauen kennen.
Das Auföeten der Männer findet er „vielleicht ein wenig zu urban", doch zeigen sie' sich äußerst intelligent und anregend. Von den Kölner Frauen aber schreibt er: „Die Frauen — alle verführerisch, nicht auf die Art der Frauen von Paris, sondern verführerisch an einem ernsteren, einem tieferen Reiz, der sich langsam entfaltet, der weder von ihren Kleidern kommt noch von ihrer Koketterie, der rein aus ihnen selber kommt, aus ihrem Wesen, ihrem Geist..."
Es besticht ihn, daß er in Köln so viele Kunstwerke, auch der großen französischen Maler und Bildhauer, sieht, und daß diese Sammlungen weder' vom Snobismus noch von der Mode bestimmt waren, sondern vom Prinzip einer ästhetisch überlegten Auswahl, die besonders von den Frauen aufs Intelligenteste erklärt wurde. „Ich mußte also nach Deutschland, kommen", merkt er an, „um die Freude zu haben, das, was ich liebte, so verstanden, so gefeiert zu sehn!" Und dann schildert, er die Unterhaltung mit diesen Frauen in. Köln.: „Bei ihnen fühlt man, daß das Kultivierte weder Ausnähme noch Handwerk, daß es nicht Abenteuer, Religion und Trug (blaque) ist. Sie. versuchen nicht, uns in Staunen zu versetzen; sie suchenin dpr Berührung mit andern hinzuzulernen und'dadurch ein wenig mehr zu verstehen. Sie besitzen Aufrichtigkeit, Natürlichkeit, Leidenschaft in der Intelligenz, was äußerst verführerisch ist...
Welch ein Lob der Kölnerin! Selbst ihre Hausfrauenpflicht erfülle sie mit Intelligenz und Anmut, dehn sie empfinde die starke Schönheit, die in ehrlicher und strenger Pflichterfüllung liegt. Überhaupt könne eine intelligente Frau nie häßlich sein, und so habe er sich in Köln Mitleid für solche Frauen angeeignet, die nichts als bildschön seien und sich einbildeten, lediglich durch ihre unnütze Schönheit, ihre Kleider und Hüte zu verführen."
Vor etwas mehr als einem halben Jahrtausend hat Petrarca sich an den Frauen Kölns begeistert. Wir können aber annehmen, daß Mirbeau nicht etwa es Petrarca schuldig sein zu müssen glaubte, Said", seinerseits die Kölnerin zu loben, sondern daß sein Erlebnis ihn zu solchem Überschwang verführte.
- Datum 24.7.2008 - 01:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.07.1953 Nr. 28
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