Hessen verliert den Kampf um Botticelli

Der Auswanderer und die Madonna – Auch das Recht auf Eigentum ist heilig

Von Jan Molitor

Der Staat – zumindest in der demokratischen Form – schützt den einzelnen und sichert Ihm das Eigentum. Das ist ein Prinzip – so unantastbar, so heilig, daß jeder einzelne sich Sorgen um den Bestand der Demokratie machen sollte, sieht er in ihr das Recht auf Eigentum gefährdet. Das Eigentum gehört dem Eigentümer –: dieser banale Grundsatz muß gewahrt werden, koste es, was es wolle. Auch dann, wenn es viel kostet, sehr viel? – Auch dann! – Auch dann, wenn mit dem Prinzip des Rechts auf persönliches Eigentum ein anderes hohes Prinzip in Widerstreit gerät, etwa die Pflicht, große Kunstwerke im Interesse der Allgemeinheit zu bewahren? – Ja, auch dann! Da ist die Geschichte des Grafen Raczynski und seines Madonnenbildes von Botticelli...

Sigismund Graf Raczynski wohnt jetzt in Santiago de Chile. Ihm, der einen sehr großen Landbesitz in der früheren Provinz Posen besaß, gehört jetzt gar nichts mehr – außer dem Botticelli-Gemälde „Madonna mit singenden Engeln und Lilien“. Es ist eines der berühmtesten Werke der Kunstgeschichte, und wenn man seinen Wert auf eine Million D-Mark eingeschätzt hat, so ist dies nur eine Obereinkunft, denn zweifellos ließen sich Kunstfreunde finden, die noch mehr dafür zusammenbringen würden, wenn auch nicht im arm gewordenen Deutschland. Dies bedenkend, sind die verantwortlichen Männer des Landes Hessen bestrebt, das Bild Botticellis vor dem Schicksal der Auswanderung, das seinen Besitzer traf, zu schützen. Wie denn – ein deutscher Staat legt Hand auf das Eigentum eines einzelnen? Ja, aber es gibt noch Richter in Hessen...

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Lange hat Sigismund Graf Raczynski vergeblich um sein Eigentum gekämpft. Und immer wieder trug er die Geschichte des Bildes vor. – Sein Vorfahr, Graf Athanasius Raczynski, ein Kunstfreund, ein preußischer Diplomat und Freund des Königs Friedrich Wilhelm IV., hatte die besten Gemälde seiner Sammlung nach Berlin gebracht und sie der Öffentlichkeit unentgeltlich zugänglich, gemacht, zuerst im Raczynskischen Palais, dann in der Nationalgalerie. Er tat dies dem König und den Berlinern zu Gefallen –: die Hauptstadt des Landes sollte eine Metropole der Kunst werden. Und dem König zu Liebe gab der Vater jenes Sigismund Raczynski, der jetzt in Chile lebt, die Galerie nach Posen, als dort das Provinzialmuseum errichtet wurde; aber Botticellis „Madonna“ ließ er in Berlin, im Kaiser-Friedrich-Museum. Daß große Kunstwerke möglichst der Allgemeinheit, möglichst dem Volke teilhaftig werden sollten – diese Idee, auf die das Land Hessen sich unlängst berief, ist fürwahr von den Grafen Raczynski vertreten worden. Selbst als es kein preußisches Königshaus mehr gab, dem die Raczynskis sich verbunden fühlten, ließen sie Botticellis „Madonna“ in Berlin; selbst dann noch, als die Nazis regierten, denen die Raczynskis feind waren.

Graf Sigismund Raczynski wurde in den Wochen, da die russische Front sich näherte, zum Volkssturm eingezogen. Seine Frau erwartete das sechste Kind. Sie konnte nicht trecken. Als die Familie nach Westdeutschland kam, Flüchtlinge wie alle anderen, hatte sie nicht einmal die notwendigsten Kleider. Aber da war die „Madonna“ Botticellis. Die Amerikaner hatten sie mit den anderen Gemälden des Kaiser-Friedrich-Museums gerettet und schließlich der hessischen Regierung in Wiesbaden übergeben, weil sie annahmen, es handele sich auch hier um preußisches Staatseigentum. Sigismund Raczynski meldete sofort seine Ansprüche an: Hatte er die Botticelli-Madonna, so könnte er für sich und die Seinen und für einen Kreis von Verwandten, für die er sorgen wollte, eine neue Existenz aufbauen – in Westdeutschland. Doch der Staat Hessen weigerte sich, das Bild herauszugeben. Klage im Armenrecht. Der Prozeß zog sich hin, monatelang und dann schon länger als eineinhalb Jahre. Endlich – anno 1950 – wanderte Sigismund Raczynski nach Chile aus, wo er, dessen verlorener Besitz auf fastl7 Millionen geschätzt wird, heute als Verwalter eines landwirtschaftlichen Betriebes lebt, als Angestellter. Dort hörte er im März 1953, daß der Bundesgerichtshof zu seinen Gunsten entschieden und die Herausgabe des Botticelli-Gemäldes verfügt habe.

Aber es kämpfe ein einzelner gegen einen Staat! War doch kurz darauf in den Zeitungen zu lesen, daß Ministerialdirektor Viehweg vom hessischen Kultusministerium eine Anfrage im Hessischen Landtag folgendermaßen beantwortet habe: Die „Madonna“ Botticellis sei mit Arrest belegt. Und der Grund? „Rückständige Reichsfluchtsteuer, Vermögenssteuer und Vermögensabgabe zum Lastenausgleich in Höhe von 692 000 D-Mark...“ Man las es und dachte sich seinen Teil: Erst klagt so ein Herr im Armenrecht, macht sich auf und davon und läßt solche Schulden in Deutschland zurück, daß sie den Wert seines Bildes – vorausgesetzt, daß er eine Million beträgt – fast ausgleichen! – Weit gefehlt. So liegen die Dinge eben nicht! Hätte man ihm das Bild gegeben – sein Eigentum! –, so wäre Sigismund Graf Raczynski heute noch in Deutschland und hätte seine Existenz. Als er auswanderte, ließ er keinen Pfennig Schulden zurück, auch keinen Pfennig Steuerschulden. Was dem Leser der Viehwegschen Äußerungen nicht ohne weiteres klar sein konnte, ist die Tatsache, daß es sich hier um Steuerforderungen handelte, die samt und sonders nur das Bild betreffen und jetzt erst erhoben wurden. Daß die „Madonna“ mit Arrest belegt wurde, war weiter nichts als die Antwort des hessischen Staates auf jenen Richterspruch des Bundesgerichtshofes, daß dem Eigentümer sein Eigentum zurückzugeben sei.

Ist’s nicht wie jener sagenhafte Kampf gegen die Hydra? Den größten Kopf der Schlange haben die Bundesrichter abgeschlagen; schon wächst dem Untier ein neuer Kopf ... Diesmal war das Finanzgericht Kassel, das Sigismund Raczynski um Hilfe angerufen hatte, auf dem Plan. Es hat unlängst die Arrestanordnung gegen die „Madonna“ Botticellis für unbegründet erklärt. – Es bestünde die Gefahr, daß zu erhebende Steuerabgaben verlorengehen könnten? – Keineswegs, so erwiderten die Richter von Kassel. „Weder die Tatsache, daß der Kläger ausgewandert ist noch die Tatsache, daß er durch die unglücklichen Verhältnisse in seiner Heimat verarmt ist, bieten eine Handhabe für die Annahme, daß er Maßnahmen getroffen hätte, die mit der Ehre und der Würde eines anständigen Menschen unvereinbar sind ...“ Und das Gericht fuhr fort: „Nach dem Kriege waren Millionen Flüchtlinge ihrer Habe beraubt. Trotzdem hat ihnen der Staat lediglich im Vertrauen auf ihre Person Kredite zum Aufbau einer Existenz gewährt. Die Verarmung an sich kann daher nicht als ausreichender Grund für die Arrestanordnung anerkannt werden ...“ Und weiter im Text des Kasseler Urteils: „Daß der Berufungskläger lange Zeit hindurch seine Eigentumsansprüche auf das Bild gegen das Land Hessen verfochten hat, kann noch weniger als Argument gegen ihn genommen werden. Denn das war sein gutes Recht.“ – Man sieht aus alledem, mit welchen „Argumenten“ Hessen hier gekämpft hat...

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