Von Christian E. Lewalter

Heidegger hat neuerdings Anstoß erregt: Er ließ soeben den Text seiner im Sommersemester 1935 an der Freiburger Universität gehaltenen Vorlesung Einführung in die Metaphysik bei Max Niemeyer in Tübingen, dem Verleger von „Sein und Zeit“, erscheinen. In Frankfurt, wo Theodor W. Adorno als Neo-Marxist die publizistische Verfolgung aller angeblichen „Faschisten“ von Richard Wagner bis zu Ernst Jünger betreibt, erschien in der „Allgemeinen Zeitung“ ein Leitaufsatz, dessen scharfsinniger und belesener Verfasser Jürgen Habermas mit dem Vokabular Adornos aus dem Text jener Vorlesung ein unverhülltes Bekenntnis zum NS-Staat herauslas und aus der Tatsache, daß Heidegger diese Vorlesung 1953 publiziert, seine Absicht folgerte, den Nationalsozialismus zu. rehabilitieren.

Der Vorwurf wiegt schwer. Es wäre eine Infamie, wenn jemand von dem Ruf und der Autorität Heideggers den Versuch machen würde, das infame System des Nationalsozialismus philosophisch, gar metaphysisch zu rehabilitieren. Umgekehrt aber: es wäre auch eine Infamie, Heidegger solche Infamie ohne triftigen Beweis zu unterstellen. Mit anderen Worten; es geht um Heideggers Redlichkeit – und um die Redlichkeit seiner „antifaschistischen“ Kritiker.

Vorweg muß zweierlei bemerkt werden. Erstens: daß Martin Heidegger vor 1933 mündlich sehr positive Erwartungen an das heraufkommende NS-Regime geknüpft und daß er 1933 als gewählter Rektor der Freiburger Universität in einer geradezu hymnischen Rektoratsrede die NS-„Bewegung“ sehr optimistisch als ein Erwachen zum wahren Selbst des deutschen Volkes gedeutet hat. Zweitens: daß von 1934 an solche positiven mündlichen Äußerungen fehlen und daß Heidegger bis 1945 nichts publiziert hat, was vom NS-Regime in Anspruch genommen werden konnte. Wie hat Heidegger 1935 über Hitlers System gedacht? Davon wußten wir bis jetzt nichts und müssen, wenn wir es wissen möchten, den Text der nun erschienenen Vorlesung befragen.

Es ist eine Vorlesung über Metaphysik, also über das sozusagen abstrakteste und der Politik fernste aller Themen. Aber da Heidegger, wie seine Leser aus „Sein und Zeit“ und den „Holzwegen“ wissen, die Geschichte des Abendlandes seit den frühen griechischen Philosophen als die Geschichte der abendländischen Metaphysik begreift – und das heißt bei ihm: den Verfall der Metaphysik seit Piaton als den Verfall des Abendlandes –, so ist zu erwarten, daß Heidegger 1935 das Hitlerreich entweder als weiteres Verfallssymptom oder aber als Anzeichen neuen Heils beschrieben hat. Wie steht es nun damit?

„Nur der Alltagsverstand und der kleine Mann stellen sich vor, das Große müßte endlos dauern, welche Dauer er dann noch mit dem Ewigen gleichsetzt.“ So einen Satz hörten Studenten 1935, im dritten Jahr des „Tausendjährigen Reiches“, dessen Bestand ihnen Hitler und Goebbels und die NS-Philosophen als unerschütterlich und ewig priesen.

Oder: „Wenn die Millionenzahlen von Massenversammlungen ein Triumph sind – dann, ja dann greift wie ein Gespenst über diesen Spuk hinweg die Frage: wozu? – wohin? – und was dann?“ Der Nürnberger Parteitag „Triumph des Willens“ war 1935 in aller Munde und in aller Ohren...