Vom Herbert Eisenreich

Mit Spannung und Faszination beginnt der Roman Werner Helwigs „Reise ohne Heimkehr“ (Claassen Verlag, Hamburg), und durch 400 Seiten hält der Ich-Erzähler beides durch: Er, ein Deutscher, trifft seinen Freund Clemens, einen Österreicher, der seit Jahrzehnten in der griechischen Inselwelt lebt und sich als Fischer mehr schlecht als recht sein Brot verdient; miteinander segeln sie monatelang in jenen Gewässern, mit nichts andrem befaßt als mit den tausend kleinen Nöten des kärglichen Fischerdaseins. All die Verrichtungen und Notwendigkeiten, die ein solcher Alltag aufzwingt, die unscheinbaren und doch lebenerhaltenden Tatsächlichkeiten dieses Milieus werden scharf gesehen, und für das Gesehene, für das gegenständlich Erfaßbare dieses Lebens in dieser Landschaft findet Helwig eine durchaus gemäße Sprache, deren Präzision selbst in den Eigenschaftswörtern rühmenswert ist. Hier nur ein Beispiel, welches sich mühelos durch hundert ebenbürtige ersetzen ließe: „...Während der letzten 200 Ruderlängen quälte uns ein wachsender Landwind. Wir kamen nur zollweise voran, ganz schräg in die Riemen gestützt. Es war, als grüben wir eine erdige See mit schwerem Spaten um.“ Von solch dichter Anschaulichkeit sind weite Partien.

Dieser Inselalltag aber – der Roman spielt zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges – wird verstört und entfriedet durch erste Anzeichen kommender Welterschütterung. Ein fremdes U-Boot torpediert einen russischen Frachter, der Material nach Rotspanien an Bord hat; neue Kriegshäfen werden installiert, Patrouillenboote durchforschen die Gewässer, Posten kontrollieren die Pässe, die Behörden wittern überall Spionage... und Clemens wird, wie mancher andere Fischer, verdächtigt, dem fremden U-Boot Treiböl und Informationen zuzuschmuggeln. Das alles vollzieht sich zwischen den Kulissen des alten Hellas, welches immer noch schöne Illusionen nährte; nun aber stemmen sich neue Gewalten hoch, die letzten Reste des alten Lebens unter ihrem Gewicht zerbröselnd.

Nun möchte man meinen, dies genüge für einen Roman: hier das urtümliche Dasein der Fischer (gar nichts ins Ideale verzerrt, sondern realistisch gesehen), dort die unbekannten, gleich dem U-Boot noch nicht aufgetauchten modernen Weltgewalten, mehr gespürt als erblickt, welche selbst das einsamste Dasein in ihr Fangnetz ziehen... aber nein: da gibt es auch noch Germaine, die Geliebte, die der Erzähler auf Ischia zurückgelassen hat, um zuerst das alte Abenteuer der Freundschaft mit Clemens zu einem Ende zu bringen. Zwar stimmt die Konzeption: daß eben jetzt, da die große Welt aus den Fugen gerät, der Bestand im kleinsten gewahrt sein will und sich die Sehnsucht „nach Weib und Kind, nach Haus und Garten“ fordernder meldet als das Fernweh früherer Tage; aber gerade dieser Konzeption ist nicht zuträglich, daß diese Frau ausgerechnet Germaine heißt, daß sie auf Capri in einer Gesellschaft weltenbummelnder Snobs aufgelesen wird, daß sie einen künstlerischen Beruf ausübt; dieser Konzeption wegen möchte man sie nicht als die Geliebte gesehen, geschildert und geliebt sehen, sondern in ihrer Häuslichkeit, in ihrer Mütterlichkeit, als der statische Anteil des Mannes.

Kein Wunder, daß in diesen Partien der Stil fast unerträglich wird: „... Germaine saß hinter mir auf der Tischdame. Und lauschend war ihr Ohr zu mir herabgebeugt. Lauschend.

Ich drehte langsam meinen Kopf zu ihr empor, sie senkte den ihren herab; so trafen sich unsere Minder. Und das war wie ein Gelöbnis. Und es wir ganz von selbst gekommen.“ Und Freund Clemens hört sich das an, ohne ihm eine runterzuhauen...

Man wäre auch ohne Germaine zufrieden gewesen: minder Geschichte einer männlichen Freundschaft, die mit der wachsenden Erkenntnis des völlig verwandelten Hellas-Geistes bröckelt und schließlich bricht. Wenn aber Germaine – dann wäre es nicht nur förderlich, sondern auch durchaus möglich gewesen, die Liebesgeschichte nahezu völlig auszusparen, wie beispielsweise Camus es in der „Pest“ gemacht hat, wo gerade in dieser Aussparung die Unzertrennlichkeit des Dr. Rieux mit seiner todkranken Frau erst sichtbar wird. So freilich bleibt den Rezensenten die traurige Pflicht nicht erspart, den Leser vor 50 verunglückten Seiten zu, warnen, da doch die irrigen 350 wirklich gelungen sind. So gut gelungen, daß man jene 50 Seiten beinahe vergißt.