Keine Ruhe um die Staatstheater

Wien, im November

Unterrichtsminister Dr. Kolb hat an Stelle von Dr. Hilbert Ing. Ernst Marboe zum Intendanten der österreichischen Bundestheater ernannt. Ihre Direktoren werden in den nächsten Wochen bestellt werden. Damit ist offiziell die kulturpolitische Krise in Wien beendet, was freilich bei weitem nicht heißt, daß diese Entscheidung auch ein Ende der Kontroverse um den Unterrichtsminister und für oder gegen den neuen Intendanten wäre. Im Gegenteil, nach wie vor steht die Theaterpolitik – wie die ganze Kulturpolitik – Dr. Kolbs im Mittelpunkt heftigster Angriffe seiner Gegner. Ihr enragiertes Eintreten für den abgesetzten Intendanten Dr. Hilbert ist zum guten Teil nur Polemik gegen den Unterrichtsminister selbst. In ihm, dessen Äußerungen über moderne Kunst tatsächlich federsträubend sind, wollen seine Gegner nur einen österreichischen Hundhammer sehen, und selbst seine Freunde kolportieren, daß er sich geweigert habe, ein Burgtheaterstück zu besuchen, weil in dessen Personenverzeichnis „zwei Kurtisanen“ standen. Dennoch versucht die Presse seiner Volkspartei in langatmigen Erklärungen, ihn als Retter der Staatstheater zu verherrlichen.

Die von Dr. Kolb verfügte Ernennung Ing. Marboes zum Intendanten der Staatstheater hat in Wiener Kunstkreisen wie eine Bombe gewirkt. Verständlich, wenn man weiß: Ing. Ernst Marboe, 44jährig, der Typus des dilettante im guten und großen Wortsinn, ist eine Figur, deren Werdegang, so möchte man sagen, nur in Wien möglich ist. Nachdem er zugleich Technik und – indische Lyrik studiert hatte, trat er 1936 in die Dienste der niederösterreichischen Landesregierung, was ihn nicht hinderte, sich intensiv mit Goethe und Rilke zu befassen. Nach dem Krieg wurde er mit dem Aufbau der Kulturabteilung des Bundespressedienstes betraut und weitherum bekannt, als 1949 sein „Österreichbuch“ erschien, das heute schon in die vier Hauptsprachen übersetzt und mit einer Auflage von 160 000 Exemplaren der österreichische Nachkriegsbestseller ist. Noch mehr Ruf als Liebling der leichten Musen schuf ihm der Film „1. April 2000“, den er (und als Vertreter des kulturpolitischen Proporzes der Sozialist Brunngraber mit ihm) drehte. War auch dieser Film künstlerisch lebhaft umstritten, so stand doch außer Zweifel, daß er – wie auch das österreichbuch – nicht reine Kunst, sondern hochpolitisch sein wollte und seine hochpolitische Wirkung in aller Welt tat.

Als nun Ing. Marboe, Dilettant und Exponent so ausgesprochen politischer Kunst (oder Künstelei), zum Intendanten der Staatstheater bestellt wurde, mußte das eine Sensation sein. Denn vom „1. April 2000“ bis zum Burgtheater ist der Weg recht weit, und obschon man in Wien viel mehr als in anderen Ländern dem dilettante Chancen zu geben gewillt ist, fragte man sich doch, ob dieser Vertrauensvorschuß nicht zu hoch bemessen sei. Daß Ing. Marboe Neffe des Altbundeskanzlers Figl, CV- (farbentragender katholischer) Student und Bundesbruder des Wiener Kardinals ist, schien den Sozialisten volle Erklärung für seine Ernennung durch den klerikalen Unterrichtsminister, und so waren sie es vor allem, die für den verabschiedeten Dr. Hilbert lebhaft Partei ergriffen. Inzwischen hat sich dieser „nicht leichten, aber reinen Herzens und reinen Gewissens“ vom Personal der Bundestheater verabschiedet und dürfte (noch ist es unentschieden) in das Präsidium der Salzburger Festspiele kooptiert werden.

Die zuerst recht unklar gehaltenen und vagen Beschuldigungen Dr. Kolbs gegen ihn wurden seither präzisiert. Was ihm der Unterrichtsminister vorwirft, ist letzten Endes die Totalität seines Managertums, das neben sich keine Götter duldete und die Direktoren der Staatstheater zu bloßen Exekutivbeamten seines eigenen künstlerischen Willens reduzierte. Daß dieser große Manager in seiner Ausgabenwirtschaft eine sehr unösterreichische (manche sagen amerikanische) Großzügigkeit entfaltete und gegenüber der Wiener Ensembletradition das Startheater bevorzugte, gibt jetzt Gelegenheit, die Ressentiments der Steuerzahler wie der – oft wirklich recht lieblos verwendeten – Ensemblemitglieder der Staatstheater gegen ihn zu mobilisieren.

Es bleibt bedauerlich, daß die Affäre Hilbert eine hochpolitische Angelegenheit geworden ist. Denn als kulturpolitische durchdiskutiert hätte sie willkommene Gelegenheit werden können, Klarheit über die Möglichkeiten und Grenzen des künstlerischen Managertums zu schaffen und zugleich die Vor- und Nachteile der Star- und Ensemblebühne gegeneinander abzuwägen. Wie heillos verpolitisiert die Situation ist, kann man daraus entnehmen, daß die sozialistischen Nachrufe für Hilbert und die Angriffe gegen Dr. Kolb für dessen Parteipresse Grund genug sind, Hilberts Verdienste auf die unnobelste Art zu verkleinern.