Ein Wirtschaftsthema für die Frau:Das angestaubte Frisch-Ei

Jeden Tag hört man vom Krämer oder von der Marktfrau, wenn man ein paar Eier kaufen will: „Unsere Eier sind alle gleich frisch!“ Denn jedem Käufer kommt es weniger auf die Größe an. Er will in erster Linie frische Eier. Daß man sie auch bekommt, ist, so wie die Dinge liegen, Glückssache.

Es klingt unwahrscheinlich, aber es ist so: ein drei oder vier Wochen altes Ei gilt bei uns noch als „Frisch-Ei“. Aber es verdient diese Bezeichnung keineswegs...

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Die etwas fragwürdigen „Frisch-Eier“, die uns durchweg zum Kauf angeboten werden, sind durch einen Stempel ausgewiesen. Meist ist dieser Stempel nicht weniger fragwürdig als das Ei, das er ziert. Das weiß der Verkäufer natürlich. Will er einen Kunden, den er gut kennt, besonders gut bedienen, so Setzt er eine Art Verschwörermiene auf: „Nehmen Sie Ungestempelte, die habe ich gerade vom Bauern bekommen.“ Ungestempelte Eier im Laden zu verkaufen, ist nämlich nicht gestattet. Tatsächlich ist aber ein rundes Drittel aller Eier, die verkauft werden, ungestempelt. Sie werden von sehr vielen Hausfrauen vorgezogen, obwohl sie in der Regel um zwei Pfennig teurer sind. Das ist erstaunlich, wenn man die deutsche Vorliebe für amtliche Stempel bedenkt. Aber das Vertrauen in den „amtlichen“ Gütestempel ist verwirtschaftet.

Ob nun gestempelt oder nicht: der Eiereinkauf bleibt Vertrauenssache – oder ein Lotteriespiel. Wie man’s nimmt.

Warum ist das so? Das (berechtigte) Mißtrauen unserer Hausfrauen gegen das gestempelte deutsche „Frisch-Ei“ ist die Folge vieler schlechter Erfahrungen. Seit dem 19. April 1952 ist die sog. „Eierverordnung“ in Kraft: es dürfen in den Läden lediglich durch Stempel gekennzeichnete Eier verkauft werden. Diesen! Stempel bekommen die Eier nur, wenn sie folgende Gütemerkmale aufweisen: a) Schale: normal, sauber, unverletzt, ungewaschen; b) Luftkammer: nicht über 8 mm mittlerer Höhe; c) Eiweiß: klar, durchsichtig, fest; d) Dotter: nur schattenhaft sichtbar; e) Keim: nicht sichtbar entwickelt; f) frei von fremdem und schlechtem Geruch. – Der Witz ist nur der: niemand, der den Eiern diesen schönen Stempel aufdrückt, weiß, wie viele Tage das Ei nun wirklich alt ist, das er nebst Stempel in der Hand hält, und erst recht weiß er nicht, wann es an den Verbraucher kommt. So verrät der Stempel auch nichts über das Alter, sondern er besagt nur, daß das Ei an dem Tage, an dem es das Gütesiegel erhielt, jene Voraussetzungen dafür erfüllte, daß man es als noch frisch bezeichnen darf. Die Gretchenfrage nach dem tatsächlichen Geburtstag des Eies könnte lediglich ein unverfälschbarer Datumstempel beantworten. Aber den gibt es leider nicht.

Die sog. Eierverordnung, die die heutige Stempelung regelt, besagt nämlich, nur, daß solche Eier nicht mehr als frisch bezeichnet werden dürfen, die bei einer Temperatur von minus fünf Grad eingelagert worden sind. Das läßt der „Frisch“-Bezeichnung einen noch viel weiteren Spielraum, als der Verbraucher ahnt. Es ist nämlich durchaus möglich, Eier bei einer Temperatur von weniger als minus fünf Grad bis zu zwei Monaten einzulagern, ohne daß sie in dieser Zeit die Stempelvoraussetzungen verlieren. Aber sie werden davon nicht besser, und „frisch“ sind sie nach zwei Monaten sachgemäßer Lagerung auch nicht...

Mit der Einlagerung ist es überhaupt so eine Sache. Als Beispiel und um der Wahrheit die Ehre zu geben: als im vergangenen Mai die Eierpreise plötzlich anstiegen, wurde auch ein Teil der Kühlhauseier als „Frisch-Eier“ auf den Markt geworfen. Das war, milde ausgedrückt, dem ahnungslosen Verbraucher gegenüber reichlich unfair. Und wer garantiert, daß sich dieses Spiel nicht wiederholt?

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