Wie tot ist Sefton Delmer?

Agenten unter sich: Gustav-Siegfried I sendet wieder

Von Paul Bourdin

Wer erinnerte sich nicht! Mit „Gustav-Siegfried I“ meldete sich der Britische Rundfunk, als Deutschland in Bombennächten unterging. Dieser englische Sender führte den totalen Krieg in die Propaganda ein. Ihm war jedes Mittel – auch das obszöne – recht, um die Moral des Feindes an der Front und in der Heimat zu untergraben. In seinen nächtlichen Sendungen, zehn Minuten vor der vollen Stunde, wühlte er in der Korruption, der Vetternwirtschaft, dem Klüngel des „Dritten Reiches“ und am liebsten im Sexualleben der Nazibonzen und SS-Größen. Sensation, Skandal und Pornographie, das alles in unflätiger Sprache vorgetragen –: so lautete das Rezept dieses Boulevard-Journalismus. Die Berliner nannten den Sender den „Scheiß-Gustav“, weil dieses Kasernenhofwort in seinen Meldungen, Berichten und Kommentaren mit Vorliebe verwandt wurde. Die Bezeichnung „Gustav-Siegfried I“ war wohl eine Übersetzung von G. S. I = German Secret I, nach dem Muster der Berliner Planquadrate für die Luftwarnung.

Nun, damals war Krieg, und Unflat gab es genug im Nazireich. Aber heute? Und doch ist es, als ob der Sender „Gustav-Siegfried I“ die Tätigkeit gegen Deutschland wieder aufgenommen habe, um seine Kübel diesmal über die Bundesrepublik auszugießen. Es ist derselbe Journalist, der „Gustav-Siegfried I“ erfand und bis Kriegsende leitete, der heute in dem Londoner Boulevard-Blatt Daily Express ein „Bild Deutschlands in den Klauen eines wiederauflebenden Militarismus und wieder in den Sattel steigender Nazis“ entwirft. Mit diesen Worten hat im Oberhaus Lord Pakenham, der Deutschlandminister der letzten Labourregierung, der gerade von einer Reise durch die Bundesrepublik zurückgekehrt ist, die Berichte im Daily Express charakterisiert und dieses Bild als „völlig falsch“ bezeichnet.

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Der Verfasser dieser Artikel, eben der Gründer von „Gustav-Siegfried I“, Sefton Delmer, galt einmal als Kenner Deutschlands, ja als Freund der Deutschen. Und nun ist alles falsch und feindselig, was er über uns schreibt. Was ist geschehen?

Alles in Delmers Herkunft und Entwicklung war dazu angetan, ihm Verständnis für Deutschland und Liebe zu den Deutschen zu vermitteln. Einen großen Teil seiner Kindheit erlebte er in Deutschland, da sein Vater Lektor für Englisch an der Berliner Universität war. Zusammen mit ihm befand er sich zu Beginn des Weltkrieges 1914 unter den ersten Zivilinternierten, die ausgetauscht wurden. Gewaltigen Eindruck machte es dem Jungen, als sich bei der Ankunft in Dover die Reporter ans Fallreep drängten, um ihn und die anderen Heimkehrer aus Deutschland zu interviewen. Den Zwölfjährigen faßte der Ehrgeiz, auch Journalist zu werden. Seine Studentenzeit nach dem Kriege verbrachte er außer im Oxforder Lincoln College an den Universitäten von Göttingen und Bonn, wo er Germanistik studierte. Als er mit dreiundzwanzig Jahren in den Daily Express eintrat, für den sein Vater schon Berichte aus Berlin geschrieben hatte, sprach er Berlinisch wie ein Berliner und kannte Deutschland wie seine Tasche. Im Jahre darauf, 1927, wurde er denn auch Berliner Korrespondent seines Blattes. Die ersten journalistischen Lorbeeren verdiente er sich mit aufsehenerregenden Reportagen über den Fall des Düsseldorfer Sexualmörders Peter Kürten. Der junge Sefton spielte selbst den Detektiv und verhalf der deutschen Kriminalpolizei, mit der er sich gut verstand, dazu, noch zwei Frauenleichen zu entdecken.

Überhaupt war damals für den Korrespondenten eines englischen Sensationsblattes viel in Deutschland zu machen, selbst in der Politik. Es war die Zeit von „Mein Kampf“, und die Politik begann dank dem Rowdytum der Nazis Formen anzunehmen, die Schlagzeilen hergaben. Sefton Delmer war fast der einzige Auslandsjournalist, der diesen Kampf in allen Phasen verfolgte und in seinem Blatte schilderte. Damals erwarb er sich den Titel eines Kenners und Freundes Deutschlands. Nicht nur das: er war auch ein Freund der Röhm, Ernst, Stennes, Helldorf, Putzi Hanfstängl, Rauschning und anderer Nazihäuptlinge. Sie gingen bei ihm ein und aus, und er pflegte mit ihnen ausgelassene Kumpanei. Auf Empfehlung von Röhm und Hanfstängl nahm Hitler ihn 1932 in seiner Ju 52 auf seinem Wahlflug durch Schlesien und Ostpreußen mit, eine Ehre, die außer ihm nur noch Ward Price von der Daily Mail zuteil wurde. Auf diesem Flug soll er geäußert haben, daß er auch Nazi sein würde, wenn er Deutscher wäre.

An diese seine große Zeit der untergehenden Republik und des nationalsozialistischen Kampfes um die Machtergreifung fühlt sich Delmer erinnert, wenn er heute auf Stipvisite in die Bundesrepublik reist. „Neun Jahre nach dem ersten Weltkrieg – im Jahre 1927 – war er schon in Deutschland. Damals berichtete er von den Symptomen, bevor Hitler die Macht ergriff. Heute stellt er die parallelen Anzeichen fest“, so heißt es im Vorsprach der Redaktion des Daily Express zu Delmers erstem Artikel seiner Serie „Wie tot ist Hitler?“. Und er selbst schreibt: „Unter dem Mantel des arglosen Kanzlers Adenauer erscheinen viele der gleichen Tendenzen in Entwicklung, die in den Tagen des ebenso arglosen Außenministers Stresemann und später des Kanzlers Brüning das Aufkommen Hitlers ankündigten.“

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