Der Hundefriedhof
Moscha Pijade ist Präsident des jugoslawischen Parlaments und gilt als der führende Theoretiker der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. In einer dieser beiden Eigenschaften sollte er im bayerischen Rundfunk in der Sendereihe „Politik aus erster Hand“ sprechen. Seine besonderen Beziehungen zu Bayern liegen darin, daß er drei Jahre lang auf der Münchener Kunstakademie studiert hat. Dort lernte er so gut Deutsch, daß er im Zuchthaus von Mitrovica Karl Marx ins Serbische übertragen konnte. Die jugoslawischen Volksdeutschen werfen ihm vor, daß er für den Tod zahlloser Angehöriger ihrer Volksgruppe verantwortlich sei. Die Montenegriner vergessen nicht, daß er in Kolaschin während der Zeit des roten Terrors, der von ihm geleitet wurde, die Leichen von vielen Hunderten gemordeter Männer, Frauen und Kinder auf einen umzäunten Platz hat werfen lassen, der den Namen Hundefriedhof erhielt, weil die Hunde die Beseitigung der Körper vornahmen. Damals nannte er sich Tschika Janko. Die Kroaten hassen ihn als Feind der katholischen Kirche und machen ihn für den Tod von 500 Priestern verantwortlich. Als es in München bekannt wurde, daß er im Rundfunk sprechen soll, kam es zu Protesten aus kirchlichen Kreisen. Jugoslawische Flüchtlinge verteilten auf den Straßen Flugblätter. Der Präsident des Landtages, Alois Hundhammer, forderte den Verantwortlichen des bayerischen Rundfunks, Walter von Cube, auf, die Sendung ausfallen zu lassen. Dem schlossen sich die Parteivorsitzenden der CSU, der Bayernpartei und der sozialdemokratische Innenminister Högner an. Walter von Cube, der früher immer stolz seine Unabhängigkeit betont hat, beugte sich diesem Verlangen. Die Sendung wurde im letzten Augenblick abgesetzt. Erfolg: ein scharfer Protest der Belgrader Regierung, ein entsetzten Aufschrei aus Bonn und der Wunsch des Herrn von Cube, im Interesse der Unabhängigkeit des Rundfunks solle der Rundfunkrat die Eingriffe führender Persönlichkeiten der Parteien und des Landtags zurückweisen.
Sicher ist es unerwünscht, wenn der Staat sich eine Zensur des Rundfunks anmaßt. Andererseits aber muß er sich auf ein gewisses Maß von Takt bei den Rundfunkintendanten verlassen können. Dies kann der bayerische Staat, wie die Einladung an Moscha Pijade beweist, bei Herrn von Cube nicht. Um solche Zwischenfälle zu vermeiden, gibt es nur ein Mittel: Herrn von Cube von dem Posten, auf dem er eine abschreckende Figur macht, schleunigst abzusetzen. gl.






