In Rom tagte ein Internationaler Kongreß für zeitgenössische Musik, organisiert vom Europäischen Kulturzentrum in Genf unter Mitwirkung der „Liga für die Freiheit der Kultur“ und der Radiotelevisione Italiana. Das Thema war: die Musik im zwanzigsten Jahrhundert. Aus allen Gegenden der freien Welt hatten sich Musiker, Kritiker und Musikwissenschaftler eingefunden. Den Veranstaltungen, die Symphoniekonzerte, Kammermusikabende, eine Opernaufführung, Diskussionen, Zusammenkünfte und pompöse Empfänge umfaßten, war ein Wettbewerb für Komposition angeschlossen. Zwölf Komponisten waren aufgefordert worden, eine Arbeit einzureichen, und zwar vier je ein Violinkonzert, vier ein kurzes Orchesterstück und vier eine Kammermusik. Nebst dem Ruhm, auf dem Capitol preisgekrönt zu werden, war den Gewinnern eine beträchtliche Geldsumme in Aussicht gestellt sowie garantierte Aufführungen in der alten und neuen Welt. Verlockend genug, um sich anzustrengen. Es gingen meist gute Arbeiten ein. Die Preise fielen für das Violinkonzert an Mario Peragallo (Rom); für das Orchesterstück an Wladimir Vogel (Ascona) und Giselher Klebe (Deutschland) zu gleichen Teilen; für die Kammermusik ebenso an Lou Harrison (USA) und Jean Louis Martinet (Paris).

Die Diskussionen am grünen Tisch wurden zwischen Persönlichkeiten des internationalen Musiklebens vor einem Auditorium, das sich zum Wort melden konnte, geführt. Probleme wie: „Die Musik und die heutige Gesellschaft“, Technik und Ästhetik“, „Die Zukunft der Oper“ wurden erörtert, konnten aber, da zu weit und zu vage gefaßt, eigentlich nur gestreift werden. Hingegen gaben die Konzerte eine unzweideutig positive Antwort auf die seit Jahren immer wieder gestellte Frage, ob unserer heutigen Musik schöpferische Bedeutung zukomme. Fünfundsechzig aufgeführte Werke führten von Satie über Stravinskij, Milhaud, Honegger, Hindemith bis zu den Jüngsten: Togni, Klebe, Nono. Gewiß, was von den älteren Werken zur Zeit ihres Erscheinens Stürme der Begeisterung oder Entrüstung geweckt hatte, ließ heute meistens kalt. Vieles wirkte bereits abgestanden. Doch in welcher Epoche wäre nicht das Viele versunken? Zu dem, was sich als wertbeständig erwies, gehört die Cantata Profuna von Béla Bartók, die mit ihrer Kraft und elementaren Schönheit der besten alten Musik die Waage hält. Weiterhin wurde klar, daß der Streit zwischen den beiden hauptsächlichen Richtungen der zeitgenössischen Musik: der freien Atonalität (Stravinskij) oder der dogmatischen Zwölftontechnik (Schönberg) sich im Sinne gegenseitiger Annäherung zu beruhigen scheint. Es ist oft schwer, durch das bloße Gehör zu erkennen, ob eine Musik dodekaphonisch ist oder nicht, denn die Schönbergsche Disziplin wird heute immer weniger orthodox angewendet, was die Zulassung von „wohlklingenden“ Intervallen und harmonischen Gebilden betrifft. Andererseits lehnen sich viele Musiker, die nicht oder nicht streng „zwölftönig“ orientiert sind, doch an die Zwölftonsprache an. Um den Streit der Fakultäten endgültig zu begraben, brauchte vielleicht nur noch wahr zu werden, was Stravinskij ankündigte, nämlich: daß sein nächstes Opus im Zwölftonsystem gearbeitet sein wird, nachdem sein letztes, hier erstaufgeführtes Werk, ein Septett für verschiedene Instrumente, schon in Achttonreihen geschrieben ist. Eine überraschende Wendung, die für eine Entwicklung von der starren Dogmatik weg zu souveräner Verwertung brauchbarer Errungenschaften spricht.

An deutschen Werken hörte man in Rom: von Hindemith das Concerto für Orchester, op. 38, immer noch frisch in seiner unbekümmerten Musizierfreudigkeit; von Karl Amadeus Hartmann das sehr beifällig aufgenommene Konzert für Klavier, Schlagzeug und Bläser (das Klavier ist hier nicht solistisch verwendet, es wirkt lediglich als ein Teil des Klangensembles); von Boris Blacher die Variationen über ein Thema von Paganini, die das wohlbekannte, schon von Brahms und Rachmaninoff bearbeitete Thema mit viel Geist und Phantasie behandeln.

Hans Werner Henzes Oper „Boulevard Solitude“ fiel einem solennen Skandal zum Opfer. Was man von den Gründen der auffallend allseitigen Ablehnung gelten lassen muß, ist wohl: daß das Stück ganz allgemein einem „Avantgardismus“ etwa von 1920 huldigt.

Eiskalte Leere geht vom Wettbewerbstück des jungen Klebe aus; es rollt nicht weniger als sechsundneunzig Variationen über ein fünftaktiges Thema in acht Minuten ab. Wenn das Variationenprinzip sozusagen schon in der Zwölftontechnik steckt, und es leicht ist, mit dieser Technik kleine Formeln aneinanderzureihen, so ist es um so schwerer, eine große formale Einheit daraus zu schaffen. Die Zuhörer blieben ablehnend und waren über die Auszeichnung gerade dieser Leistung mehr als verwundert.

Von allen aufgeführten Komponisten zeigten sich entschieden die Italiener „der Musik am nächsten“, und zwar nicht nur die älteren. Sie verstehen es, die Zwölftontechnik, die auch sie angenommen haben, mit der Kraft wirklicher musikalischer Beredsamkeit zu verbinden, so daß ihre Werke nicht im Abstrakten erstarren. Die natürliche Freude am Sinnvollen ließ hier, trotz hochgeschraubter Technik, das Leben nicht unter der Blässe der Konstruktion verschwinden.

Als Dirigenten wurden Hans Rosbaud und Hermann Scherchen sehr bewundert; nicht minder Igor Stravinskij, der gleich zwei Konzerte mit eigenen Werken dirigierte: eine interessante Gegenüberstellung seiner älteren und neueren Ballettsuiten, die das Festival mit Glanz beschlossen.

Aline Valangin