Frankreichs Fall

Alles, was sich in den nächsten Tagen in Paris und in Genf ereignet, wird unmittelbare Folgen für Deutschland haben. Wir können uns von heute auf morgen einer völlig veränderten weltpolitischen Konstellation gegenübersehen, in der auch Deutschland zwangsläufig einen ganz anderen Platz einnehmen müßte als bisher. Um es gleich zu betonen, Deutschland drängt sich nicht auf diesen Platz, und niemand, am wenigsten Frankreich, sollte uns um die größere Verantwortung und die schwereren Lasten beneiden, die mit ihm verbunden sind. Es stellt sich nämlich in diesen Tagen die Frage, bis zu welchem Grade Frankreich nicht nur in Asien, sondern auch in Europa ausfällt.

Es kommt Deutschland nicht zu, und es liegt nicht in seinem Interesse, in dieser heiklen Situation irgend eine Initiative zu ergreifen. So unmittelbar wir betroffen werden können, so müssen wir uns doch auf die Rolle des passiven Beobachters beschränken. Mit Rücksicht auf Frankreich, das seine schwerste Krise seit dem Mai 1940 durchmacht, ist unsererseits die größte Zurückhaltung am Platze. Begnügen wir uns daher mit einigen Zitaten. Es ist ein französisches Blatt, das die Lage schonungslos schildert. Die ernste und über die besten Informationen verfügende Wochenzeitung L’Express schreibt: „In der atlantischen Gemeinschaft ist alles in Frage gestellt. Unser Verhalten in der indochinesischen Krise, die Tatsache, daß wir die Illusionen unserer Alliierten über die französische Wirklichkeit so lange genährt haben und unsere plötzliche Panik im letzten Augenblick haben die leitenden Männer Amerikas so schwerwiegend beeindruckt, daß sie bereits jetzt ins Auge fassen, sich in Europa direkt auf Deutschland zu stützen. Dulles hat es selbst mehreren Gesprächspartnern in Genf gesagt. Die amerikanischen Führer haben kein Vertrauen mehr und sehen daher die Maßnahmen vor, die ihnen für die Wahrung ihrer Interessen notwendig erscheinen.“

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Das französische Blatt ist zu dieser Erkenntnis gelangt, bevor noch in Frankreich der Spitzenartikel der amerikanischen Wochenzeitung Time bekannt war, der eine Bestätigung dieser französischen Informationen bringt. Danach ist für Washington die Stunde der „schmerzlichen Revision“ seiner Außenpolitik gekommen, der Neubewertung seiner Verbündeten, die Dulles für den Fall des Scheiterns der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft als agonizing reappraisal angekündigt hat. Denn: „Sowohl in ihrer europäischen wie in ihrer asiatischen Diplomatie hatten die Vereinigten Staaten das Nachkriegs-Frankreich als eine Großmacht bewertet, und in schmerzlicher Neubewertung haben sie jetzt erkannt, daß dies ein großer Irrtum gewesen ist.“ Die mit Time konkurrierende amerikanische Wochenzeitung Newsweek präzisiert diese Informationen: „Die politischen Strategen der Vereinigten Staaten haben bereits begonnen, in aller Stille die von Staatsekretär Dulles angedrohte „schmerzliche Neubewertung“ der europäischen Situation, insbesondere unserer Beziehungen zu Frankreich, vorzunehmen. Dabei wird als erster Schritt erwogen: Die Aufstellung einer einundzwanzig Divisionen starken deutschen Armee, die eng an die amerikanischen und britischen Streitkräfte gebunden ist.“

Ob die hier vorgezeichnete Entwicklung mit all ihren Folgen für Deutschland wirklich eintreten wird, hängt einmal von dem Verhalten der kommunistischen Unterhändler in Genf, mehr aber noch von dem der französischen Abgeordneten in Paris ab. Wenn die Kommunisten in ihrem Siegcstaumel über Wen Bien Phu unannehmbare Waffenstillstandsbedingungen stellen und wenn Bidault, weil er sie ablehnt, von der Nationalversammlung gestürzt wird, dann könnte eine Regierung an die Macht kommen, die den Rückzug Frankreichs aus seinen asiatischen Verpflichtungen und aus der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft bewerkstelligen würde. „Eine Kerenski-Regierung wird hinter meinem Rücken geschmiedet“, hat Bidault in Genf einem Freunde gesagt, „die bereit ist, die Bündnisse Frankreichs umzuwerfen.“

Paul Bourdin

 
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