Mitläufer-Kongreß

k. w., Berlin

Hätte Propst Grueber nicht am Sonntag in der Ostberliner Seelenbinderhalle gesprochen, so hätte der „Deutsche Nationalkongreß“ keinerlei Erwähnung verdient. Propst Grueber aber schmeichelte den fünftausend Delegierten des eindeutig kommunistisch geführten Kongresses mit der Bemerkung, er sei gespannt, ob eine gewisse Presse über diese Veranstaltung in Ostberlin berichten werde. Entweder werde sie sie totschweigen oder entstellte. Berichte über sie bringen. Grueber machte sich die kommunistische Absicht des Kongresses der „Nationalen Front“ zu eigen, indem er mit dem Blick auf die Bundesrepublik unter dem Beifall seiner kommunistischen Zuhörer erklärte: „Wenn Männer und Frauen heute den Willen zur Einheit und Freiheit dokumentieren, werden sie nach Strich und Faden diffamiert.“

Propst Grueber ist der Bevollmächtigte der evangelischen Kirche bei der Sowjetzonenregierung. Diese Funktion verlangt gewiß angesichts der Haltung des Kommunismus gegenüber der Kirche viel diplomatisches Geschick, aber was ist das für ein Botschafter der evangelischen Kirche, der die Loyalität gegenüber der Sowjetzonenregierung in eine Anklage gegen den größeren Teil Deutschlands verwandelt?

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Vielleicht wird Propst Grueber zu seiner Rechtfertigung anführen, der Ostberliner Kongreß sei nicht kommunistisch gewesen, weil 750 Delegierte aus der Bundesrepublik geholt worden waren. Auch die Themen des Kongresses mochten nicht ausgesprochen aus dem Reservoir der kommunistischen Politik hergeholt sein: der Versuch, ein gesamtdeutsches Komitee aus den westdeutschen und Sowjetzonendelegierten zu gründen; Resolutionen, um gegen die Herstellung von Wasserstoffbomben zu protestieren; Wünsche nach Besprechungen über Ost-West-Handel – also Fragen, die unverbindlich eine stimmungsmäßige Popularität zu haben scheinen.

Aber natürlich waren die Veranstalter des Kongresses darauf aus, die verschlossenen Türen zur Bundesrepublik hin durch die Reden von meist unbekannten westdeutschen fellow-travellers oder getarnten kommunistischen Funktionären aufzustoßen. Unter den westdeutschen Mitgliedern im beinahe achtzigköpfigen Ehrenpräsidium tauchten neben dem seit langem bekannten ehemaligen Münchener Sozialdemokraten Hillebrand viele als kommunistische Mitläufer ausgewiesene auf, wie Dr. Behn-Hamburg, Ernst Clausen-Flensburg, Peter Dienstknecht-Düren, Karl Eemmerich-Herne, Dr. Erich Frenzel-Augsburg, Dr. Groot-Hannover, Dr. Moser-Hamburg. Statt der Wirth und Wilhelm-Elfes, die mit ihrem „Bund der Deutschen“ offensichtlich abgewirtschaftet haben, stand neben Grueber auch Dr. Gereke, Niedersachsens ehemaliger Landwirtschaftsminister, auf der Ostberliner Rednertribüne.

 
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