Bibeltext des 20. Juli 1944; Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse; wir aber denken an den Namen des Herrn, unseres Gottes.

Psalm 20,8

Ein System, das die Partei mit dem Staat identifiziert, und diesen Staat dann dem Volk gleichsetzt, mußte zwangsläufig alle die als Gegner empfinden, die noch andere Werte für verbindlich oder gar wichtiger hielten. Darum war die Kirche für den Nationalsozialismus vom Tage der Machtergreifung an ein Stein des Anstoßes. Für die Männer der Kirche aber wurde das Wort des Römerbriefes: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, und jenes andere: „Alle Obrigkeit ist von Gott“ zu einer ständigen Anfechtung. Wo liegt die Grenze zwischen Gott und Kaiser? Hat ein Geistlicher das Recht, vielleicht sogar die Pflicht zum Widerstand?

Es gibt für diesen Konflikt keine Regeln. Jeder mußte ihn für sich selbst entscheiden. Pater Delp schrieb im Gefängnis: „In diesen Zeiten erträgt Gott nicht den Menschen, der da vor ihm erscheint und nur sein privates Anliegen vor ihn bringt, und nur seine privaten Sorgen ihm vorträgt. In Zeiten, in denen Gott mit der Menschheit würfelt um die Grundordnungen des Daseins, da verlangt der Herrgott den Menschen des weiten Herzens, der großen Verantwortlichkeit, der wirklich vor Gott hintritt und die Verantwortung für das Ganze auf sich nimmt.“

Und in seinem Abschiedsbrief heißt es: „Ich bitte euch Freunde, nicht zu trauern, sondern euch darauf zu verlassen, daß ich geopfert wurde, nicht erschlagen. Ich hatte nicht daran gedacht, daß dies mein Weg sein könnte. Alle meine Segel wollten steif vor dem Wind stehen; mein Schiff wollte auf große Fahrt, die Fahnen und Wimpel sollten stolz und hoch in allen Stürmen gehißt bleiben. Aber vielleicht wären es die falschen Fahnen geworden oder die falsche Richtung oder für das Schiff die falsche Fracht und unechte Beute. Ich weiß es nicht. Ich will mich auch nicht trösten mit einer billigen Herabminderung des Irdischen und des Lebens. Ehrlich und gerade: ich würde gerne noch weiterleben...

Ach, Freunde, daß die Stunde nicht mehr schlug und der Tag nicht mehr aufging, da wir uns offen und frei gesellen durften zu dem Wort und Werk, dem wir innerlich entgegenwuchsen. Bleibt dem stillen Befehl treu, der uns innerlich immer wieder rief. Behaltet dieses Volk lieb, das in seiner Seele so verlassen und verraten und hilflos geworden ist. Und im Grunde so einsam und ratlos, trotz all der marschierenden und deklamierenden Sicherheit...

So lebt denn wohl. Mein Verbrechen ist, daß ich an Deutschland glaubte, auch über eine mögliche Not- und Nachtstunde hinaus. Daß ich an jene simple und anmaßende Dreieinigkeit des Stolzes und der Gewalt (NSDAP – Drittes Reich – Deutsches Volk) nicht glaubte. Und daß ich dies tat als katholischer Christ und als Jesuit. Das sind die Werte, für die ich hier stehe am äußersten Rande und auf den warten muß, der mich hinunterstößt: Deutschland über das Heutige hinaus als immer neu sich gestaltende Wirklichkeit – Christentum und Kirche als die geheime Sehnsucht und die stärkende und heilende Kraft dieses Landes und Volkes – der Orden als die Heimat geprägter Männer, die man haßt, weil man sie nicht versteht und kennt in ihrer freien Gebundenheit oder weil man sie fürchtet als Vorwurf und Frage in der eigenen anmaßenden pathetischen Unfreiheit.“