Die Internationale der Murmelspieler ist uralt und über die ganze Erde verbreitet, und die Murmelwährung ist die stabilste aller Währungen. Den Historikern und den Soziologen ist dies weltweite Kollektiv noch nicht aufgefallen. Das kommt daher, daß seine Mitglieder allesamt Kinder sind (in unseren Breiten: Kinder bis zu zwölf Jahren, nicht älter) – und was ist von Kindern für die Historie und die Soziologie zu holen? Man sieht sie in der heiteren Jahreszeit auf der Straße und den Höfen mit Murmeln spielen und denkt sich nichts dabei. So geht es schon Jahrtausende.

Nun ist aber endlich einer gekommen, der hat sich doch etwas dabei gedacht und einmal genau hingesehen, wie das denn eigentlich funktioniert, wenn die Jungen mit Murmeln spielen. Er hat viele hundert Male das Murmelspiel mitgespielt und die Kinder gefragt, warum sie gerade so spielen und nicht anders, und wie sie es mit der Ehrlichkeit beim Spiel halten. Denn dieser erwachsene Murmelspieler – es ist der Schweizer Jean Piaget, Professor für Kinderpsychologie an den Universitäten von Genf und Paris – erkannte schnell, daß es mit der Moral des Murmelspiels etwas auf sich haben muß, und ging der Sache genau nach. Und wirklich, es gelang ihm, vom Murmelspiel auf die Moral überhaupt zu kommen, auf Lüge, Gerechtigkeit und Strafe und auf das, was die Kinder – unsere europäischen Kinder – sich bei diesen Dingen denken und was etwa die Politiker und die Ethiker, die Philosophen und die Soziologen von ihnen lernen könnten. Alle seine Unterhaltungen beim Murmelspiel und auf den Schulhöfen von Genf und Neuchâtel hat er aufgezeichnet und mit den nötigen Folgerungen gesammelt in einem 463 Seiten starken Buch, das jetzt deutsch bei Rascher in Zürich erschienen ist: Jean Piaget, Das moralische Urteil beim Kinde. Alle Eltern und alle Lehrer sollten es lesen, aber auch alle, die sich über die Krise unserer abendländischen Moral den Kopf zerbrechen und nach Wegen Ausschau halten, wie man sie neu fundieren könnte.

Was nun also das Murmelspiel betrifft, so frappiert es durch zweierlei Züge: Es wird in der ganzen Welt nach einem und demselben Grundschema gespielt, aber die Spielregeln im einzelnen sind ganz außerordentlich variabel und können nach dem Belieben einer spielenden Schar so sehr kompliziert werden, daß die in der Schule gelehrten Regeln der Rechtschreibung dagegen, wie Piaget sagt, „ein reines Kinderspiel“ sind. Das Grundschema ist so einfach wie möglich: jeder Spieler versucht, den Mitspielern möglichst viele der eingesetzten Murmein dadurch abzugewinnen, daß er sie mit einer größeren Wurfmurmel aus einem genau bezeichneten Feld heraustreibt. Daran ist nicht zu rütteln. Alles andere aber unterliegt der örtlichen Tradition und der Absprache von Fall zu Fall. Das überaus Merkwürdige und Lehrreiche am Murmelspiel liegt nun darin, daß diese entweder überlieferten oder eigens neu abgemachten Regeln, die sich zum unwandelbaren „Grundgesetz“ des Murmelspiels verhalten wie unsere Einzelgesetze zu den unveräußerlichen Fundamenten des Rechts daß diese Gesetze von verschiedenen Kindern auf verschiedenen Altersstufen in verschiedener Art und aus verschiedenen Motiven befolgt werden. Hier spiegelt, wie Piaget entdeckt hat, das Murmelspiel der Jungen stufenweise die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Und zwar so:

Hat Gott die Regeln gegeben?

In der Vorstufe, die mit dem 6. bis 8. Lebensjahr abgeschlossen ist, versteht der Junge den Sinn des Grundschemas noch nicht recht; er wirft die große Murmel zwischen die kleinen und ruft: „Ich habe gewonnen!“, sobald er eine kleine Murmel aus dem Feld herausgetrieben hat; daß es darum geht, dem anderen Murmeln abzugewinnen, ist ihm noch nicht klar. In der zweiten Stufe, die etwa vom 8. bis zum 12. Jahr reicht, hält sich der Junge brav an die Regeln wie an ein von oben gegebenes, heiliges Gesetz. Auf die Frage, wer denn wohl die Regeln festgesetzt habe, bekam Piaget – je nach der höchsten Autorität, die der betreffende Junge anerkannte – die Antwort: „Mein Papa“, mein ,Großpapa“, „die Herren von der Gemeinde“ oder auch „der älteste Herr in Neuchâtel“, „der liebe Gott“. Der Junge spielt also nach Regeln, die ihm von außen, durch eine unanzweifelbare höchste Instanz, verordnet sind. Erst in der dritten Stufe, die durchweg mit dem 12. Lebensjahr erreicht ist, wird das ganze Netz von Spielregeln als freie und durch freie Absprachen veränderbare Schöpfung von Jungen begriffen. Wenn eine neue Regel vorgeschlagen wird, prüfen die jugendlichen Spieler ihre „Richtigkeit“, das heißt ihre Eignung für klaren und gerechten Ablauf des Spiels. „Man muß so spielen, daß jeder zu seinem Recht kommt“, antworten sie auf die Frage nach ihren Kriterien für „Richtigkeit“ oder „Falschheit“ einer in Vorschlag gebrachten neuen Regel.

Das ist in der Tat, wie Piaget sagt, ein Verhalten von „geschichtsphilosophischer“ Bedeutung. Noch ehe die Jungen aus dem Alter des Murmelspiels herauswachsen, haben sie ohne Beeinflussung durch Ältere (denn die spielen ja nicht mehr mit Murmeln!) ganz bewußt das Prinzip der Gegenseitigkeit zur Richtschnur ihres Verhaltens gemacht. „Allmählich, läutern sich die Sitten, indem sie von einem Ideal beeinflußt werden, da: über der Sitte steht, weil es sich aus der Praxis der Zusammenarbeit selbst entwickelt.“ Und: „Im selben Augenblick, wo das Kind beschließt, daß man die Regeln ändern kann, hört es zugleich auf, an ihre frühere Ewigkeit und ihren Ursprung von den Erwachsenen her zu glauben.“ Mit anderen Worten: Die Zwölfjährigen haben von sich aus die Demokratie entdeckt.

Dann aber wachsen sie, des Spiels sich entwöhnend, weil man das mit vierzehn Jahren „nicht mehr tut“, in eine Welt von Erwachsenen hinein, in der wieder die Sitte als geheiligte Norm gilt und in der man so vieles nur deshalb tun muß, weil es schon immer so getan wurde, und nicht nach den Gründen fragen darf. Der junge Mensch, der im Knabenalter die Demokratie bei der Praxis des Murmelspiels an sich erfahren hat, kommt an einen Scheideweg, wo er zu wählen hat zwischen Fügsamkeit und Rebellion, zwischen Nachgeben und Protestieren. Der Leidensweg des Jugendalters beginnt.

Aber Piagets Fragelust hat sich beim Murmelspiel noch nicht erschöpft. Er hat die Jungen, die ihn auf dem Spielplatz kennenlernten, und auch viele Mädchen nach der Erlaubtheit oder Strafwürdigkeit gewisser Aussagen und Handlungen gefragt, immer nach dem Schema: „Darf man dies oder jenes sagen oder tun?“ und „Warum darf man es oder darf es nicht?“ Und dabei hat er genau wie beim Murmelspiel, eine Folge von Stufen des moralischen Urteils feststellen können, deren höchste, wiederum genau wie beim Murmelspiel, für die Welt der Erwachsenen als Beschämung wirken muß.

Die niedere Stufe, die etwa der „Sitten“-Stufe des korrekten Spielens mit Murmeln entspricht, nennt Pirat den „moralischen Realismus“, der nur die „objektive Verantwortlichkeit“ anerkennt. Das sieht in der konkreten Welt des Kindes folgendermaßen aus: Piaget erzählt dem getesteten Kind zwei Vorfälle, bei denen Tassen zerbrochen werden – im ersten Fall hat Hans, als er die Tür zum Eßzimmer aufmachen wollte, von einem hinter der Tür stehenden Stuhl ein Tablett mit fünfzehn Tassen heruntergestoßen (unabsichtlich, ja ohne Kenntnis, daß der Stuhl dort stand), im zweiten hat Heinz bei dem Versuch, sich gegen das strikte Verbot seiner Mutter, Marmelade aus dem Schrank zu holen, eine Tasse umgestoßen, die in Scherben ging. Wer hat die schwerere Schuld auf sich geladen, Hans oder Heinz? Alle Sechs- und Siebenjährigen gaben die gleiche Antwort: Hans ist der „Schlimmere“ von beiden. Und warum? „Weil er mehrere Tassen zerbrochen hat.“ Und ebenso lauten ihre Antworten bei all den vielen ähnlichen Geschichten, die Piaget erfand und die man in seinem Buche nachlesen mag.

Es wird erkennbar: Das moralische Urteil der Schulanfänger steht auf der Stufe, die die europäische Rechtsprechung zu jener Zeit hatte (sie ist noch gar nicht lange her!), als selbst Wahnsinnige oder Hunde auf öffentlichem Platz mit allem Zeremoniell vom Henker hingerichtet wurden, weil sie den Tod eines Menschen verursacht hatten. Die „schlimme“ Tat muß am Täter gesühnt werden, einerlei, wer Täter ist, aus welchen Motiven er gehandelt hat und ob er sich der Strafbarkeit seines Handelns überhaupt bewußt sein konnte.

Warum Lügen bestraft wird

Inzwischen ist in unsere Straf justiz das subjektive Element eingebaut worden. Wozu die Erwachsenen einige Jahrtausende gebraucht haben – die Überwindung des „moralischen Realismus“ – dazu braucht das Kind nur zwei Jahre. Während das Siebenjährige auf die Frage, warum lügen schlimm sei, zur Antwort gibt: „Weil man uns dafür bestraft“, sagt das Neunjährige, befragt, ob die Lüge auch schlimm sei, wenn man sie nicht bestrafen würde: „Aber sicher, das wäre trotzdem schlimm für den Jungen, der es gesagt hat Die Größeren von zehn bis zwölf Jahren zeigen kaum noch Schwankungen. Sie führen, wie Piaget berichtet und mit vielen Beispielen belegt, „Gründe gegen die Lüge an, die darauf hinausgehen, daß die Aufrichtigkeit zur Gegenseitigkeit und zum gegenseitigen Verständnis notwendig ist“. Und die gleiche moralische Autonomie im urteilen, die gleiche grundsätzliche Achtung vor dem anderen zeigt sich bei den Befragungen über „gerechtes“ und „ungerechtes“ Strafen.

Was folgt aus all dem? Etwas ’durchaus Revolutionäres für die Erkenntnis des Menschen! Bisher meinten wir, die Erziehung in Haus und Schule habe das Ziel, den Heranwachsenden Schritt für Schritt an die Stufe der moralischen Autonomie heranzuführen, die er etwa im Alter der „Strafmündigkeit“ erreichen könne, also mit achtzehn Jahren. Die Moral des Murmelspiels ist aber eine ganz andere. Sie zeigt, daß das Kind schon aus sich selbst, im Zusammenspielen mit seinen Altersgefährten, den „moralischen Realismus“ in sich überwindet und die sittliche Autonomie, das Bewußtsein, ein „zurechnungsfähiges“ Subjekt zu sein, bei sich selbst entdeckt, und damit jenen Zusammenhang von Schuld und Rechtfertigung, über den wir mit den Kindern meist nur in der Kindersprache zu sprechen pflegen, als wüßten sie noch nicht wirklich, was es mit all dem auf sich hat. Tatsächlich aber hat der Zwölfjährige, noch vor der Pupertät, sich selbst als sittliches Wesen erfahren – und die weitere Erziehung, die wir ihm angedeihen lassen, läuft zu einem erheblichen Teil darauf hinaus, ihn dies wieder vergessen zu machen und ihm zum zweitenmal das Gefühl der Unmündigkeit einzuflößen.

Allerdings können wir mildernde Umstände für uns ins Feld führen: Die Gesellschaft, in die der junge Mensch hineinwachsen soll, ist ja selbst ein schwer entwirrbares Geflecht aus bloßer Sitte und vernünftigem Gesetz, aus autoritären Regeln und Appell an die subjektive, persönlich freie Verantwortlichkeit. Wie vieles tun wir nur, weil „man es eben tut“ – vom Grußzeremoniell bis zur Erfüllung ritueller Pflichten – und wie wenig Spielraum hat der Erwachsene, im Grunde genommen, für die Entfaltung seiner freien Vernunft!

Wir können nicht „werden wie die Kinder“, die Zwölfjährigen, die sich als freie sittliche Person entdeckt haben. Das Leben in unserer mühselig geordneten Gesellschaft zwingt uns, Abstriche zu machen und die Jugendlichen an die Notwendigkeit dieser Abstriche zu gewöhnen. Aber wir sollten diesen Tatbestand nicht länger verscheiern und uns nicht durch Heuchelei vor der Moral des Murmelspiels blamieren.

Auch Piaget will nicht sogleich die herkömmliche Pädagogik einreißen und sie nach dem Ideal der Demokratie der Zwölfjährigen von Grund auf neu aufbauen. „Die Versuche, die meine Forschung mit sich bringt, können nur vor Erziehern oder von einer Vereinigung von Praktikern und Schulpsychologen vorgenommen werden, und es steht mir nicht zu, deren Ergebnisse vorwegzunehmen.“

Der Forscher hat seine Ergebnisse vorgelegt. Nun haben die Erzieher das Wort – und die Tat.

Christian E. Lewalter