Aber Piagets Fragelust hat sich beim Murmelspiel noch nicht erschöpft. Er hat die Jungen, die ihn auf dem Spielplatz kennenlernten, und auch viele Mädchen nach der Erlaubtheit oder Strafwürdigkeit gewisser Aussagen und Handlungen gefragt, immer nach dem Schema: „Darf man dies oder jenes sagen oder tun?“ und „Warum darf man es oder darf es nicht?“ Und dabei hat er genau wie beim Murmelspiel, eine Folge von Stufen des moralischen Urteils feststellen können, deren höchste, wiederum genau wie beim Murmelspiel, für die Welt der Erwachsenen als Beschämung wirken muß.

Die niedere Stufe, die etwa der „Sitten“-Stufe des korrekten Spielens mit Murmeln entspricht, nennt Pirat den „moralischen Realismus“, der nur die „objektive Verantwortlichkeit“ anerkennt. Das sieht in der konkreten Welt des Kindes folgendermaßen aus: Piaget erzählt dem getesteten Kind zwei Vorfälle, bei denen Tassen zerbrochen werden – im ersten Fall hat Hans, als er die Tür zum Eßzimmer aufmachen wollte, von einem hinter der Tür stehenden Stuhl ein Tablett mit fünfzehn Tassen heruntergestoßen (unabsichtlich, ja ohne Kenntnis, daß der Stuhl dort stand), im zweiten hat Heinz bei dem Versuch, sich gegen das strikte Verbot seiner Mutter, Marmelade aus dem Schrank zu holen, eine Tasse umgestoßen, die in Scherben ging. Wer hat die schwerere Schuld auf sich geladen, Hans oder Heinz? Alle Sechs- und Siebenjährigen gaben die gleiche Antwort: Hans ist der „Schlimmere“ von beiden. Und warum? „Weil er mehrere Tassen zerbrochen hat.“ Und ebenso lauten ihre Antworten bei all den vielen ähnlichen Geschichten, die Piaget erfand und die man in seinem Buche nachlesen mag.

Es wird erkennbar: Das moralische Urteil der Schulanfänger steht auf der Stufe, die die europäische Rechtsprechung zu jener Zeit hatte (sie ist noch gar nicht lange her!), als selbst Wahnsinnige oder Hunde auf öffentlichem Platz mit allem Zeremoniell vom Henker hingerichtet wurden, weil sie den Tod eines Menschen verursacht hatten. Die „schlimme“ Tat muß am Täter gesühnt werden, einerlei, wer Täter ist, aus welchen Motiven er gehandelt hat und ob er sich der Strafbarkeit seines Handelns überhaupt bewußt sein konnte.

Warum Lügen bestraft wird

Inzwischen ist in unsere Straf justiz das subjektive Element eingebaut worden. Wozu die Erwachsenen einige Jahrtausende gebraucht haben – die Überwindung des „moralischen Realismus“ – dazu braucht das Kind nur zwei Jahre. Während das Siebenjährige auf die Frage, warum lügen schlimm sei, zur Antwort gibt: „Weil man uns dafür bestraft“, sagt das Neunjährige, befragt, ob die Lüge auch schlimm sei, wenn man sie nicht bestrafen würde: „Aber sicher, das wäre trotzdem schlimm für den Jungen, der es gesagt hat Die Größeren von zehn bis zwölf Jahren zeigen kaum noch Schwankungen. Sie führen, wie Piaget berichtet und mit vielen Beispielen belegt, „Gründe gegen die Lüge an, die darauf hinausgehen, daß die Aufrichtigkeit zur Gegenseitigkeit und zum gegenseitigen Verständnis notwendig ist“. Und die gleiche moralische Autonomie im urteilen, die gleiche grundsätzliche Achtung vor dem anderen zeigt sich bei den Befragungen über „gerechtes“ und „ungerechtes“ Strafen.

Was folgt aus all dem? Etwas ’durchaus Revolutionäres für die Erkenntnis des Menschen! Bisher meinten wir, die Erziehung in Haus und Schule habe das Ziel, den Heranwachsenden Schritt für Schritt an die Stufe der moralischen Autonomie heranzuführen, die er etwa im Alter der „Strafmündigkeit“ erreichen könne, also mit achtzehn Jahren. Die Moral des Murmelspiels ist aber eine ganz andere. Sie zeigt, daß das Kind schon aus sich selbst, im Zusammenspielen mit seinen Altersgefährten, den „moralischen Realismus“ in sich überwindet und die sittliche Autonomie, das Bewußtsein, ein „zurechnungsfähiges“ Subjekt zu sein, bei sich selbst entdeckt, und damit jenen Zusammenhang von Schuld und Rechtfertigung, über den wir mit den Kindern meist nur in der Kindersprache zu sprechen pflegen, als wüßten sie noch nicht wirklich, was es mit all dem auf sich hat. Tatsächlich aber hat der Zwölfjährige, noch vor der Pupertät, sich selbst als sittliches Wesen erfahren – und die weitere Erziehung, die wir ihm angedeihen lassen, läuft zu einem erheblichen Teil darauf hinaus, ihn dies wieder vergessen zu machen und ihm zum zweitenmal das Gefühl der Unmündigkeit einzuflößen.

Allerdings können wir mildernde Umstände für uns ins Feld führen: Die Gesellschaft, in die der junge Mensch hineinwachsen soll, ist ja selbst ein schwer entwirrbares Geflecht aus bloßer Sitte und vernünftigem Gesetz, aus autoritären Regeln und Appell an die subjektive, persönlich freie Verantwortlichkeit. Wie vieles tun wir nur, weil „man es eben tut“ – vom Grußzeremoniell bis zur Erfüllung ritueller Pflichten – und wie wenig Spielraum hat der Erwachsene, im Grunde genommen, für die Entfaltung seiner freien Vernunft!