Das Rätsel um Stalins Tod

Von seinen Nachfolgern ermordet? – Berija beherrschte 72 Stunden Moskau

Ist Stalin ermordet worden? Der langjährige Moskauer Korrespondent der New York Times, Harrison E. Salisbury, der jetzt nach Amerika zurückgekehrt ist, scheint dieser Meinung zu sein. In der überaus interessanten und detaillierten Artikelserie, die jetzt in seinem Blatt erscheint, stellt er diese Meinung zwar nicht als These auf, weil sie sich konkret nicht beweisen, läßt, aber er sagt: „Wenn Stalin im März 1953 eines natürlichen Todes gestorben ist, dann war das der größte Glücksfall für die Männer seiner Umgebung...“ Und: „Während es nicht möglich ist, diesen Mord nachzuweisen, ist es doch für den Beobachter offensichtlich, daß mächtige Motive für einen solchen Mord vorhanden waren..

Diese Motive entwickelt Salisbury aus den sich mehrenden Anzeichen, daß Stalin, der in der letzten Zeit in eine dem Wahnsinn nahe Gemütsverfassung geraten war, offenkundig im Begriff stand; eine neue Terrorwelle in Gang zu setzen, „neben der die der 30er Jahre ein Kinderspiel gewesen wäre“, nämlich eine Säuberungsaktion auf Leben und Tod, die sich gegen seine nächsten Mitarbeiter richten sollte. Für diese Behauptung bringt der amerikanische Korrespondent ein umfangreiches Material.

Anzeige

Der erste Hinweis auf das Kommende lag in der Säuberung in Georgien, die sich im Sommer 1952 gegen Anhänger des Politbüromitgliedes und NWD-Chefs Berija richtete, worauf Berija in der Rangliste der Politbüromitglieder plötzlich vom vierten auf den sechsten Platz zurückgesetzt wurde. Bald darauf erfuhr man aus einer Kiewer Zeitung, daß ein Militärgericht dort einige hohe Angestellte der staatlichen Handelsunternehmungen wegen „gegenrevolutionärer Tätigkeit“ zum Tode verurteilt hatte, obwohl ihre Verfehlungen nicht auf politischem, sondern auf dem Gebiete des Schwarzhandels lagen, und weder von der Militärgerichtsbarkeit zu verhandeln noch mit der Todesstrafe bedroht waren. Genauere Nachforschungen ergaben, daß die Verurteilten nicht nur – durch ihre Positionen im staatlichen Handel – zum Apparat des Politbüromitgliedes Mikojan, sondern gleichzeitig zum politischen Apparat des Politbüromitgliedes Krutschtschew gehörten, so daß auch diese beiden Funktionäre, wenigstens der Verantwortlichkeit nach, in die Affäre hineingezogen waren. Wieder etwas später, nämlich im Dezember, forderte die Prawda unvermittelt Reue- und Schuldbekenntnisse der Parteiprominenten auf dem Gebiet der Ideologie und der Wirtschaftswissenschaft für die Fehler, die sie gemacht hätten, was deutlich auf die Personen der Politbüromitglieder Malenkow und Kaganowitsch hinwies.

Nachdem die Kampagne soweit vorgetrieben war, gab es im Januar 1953 die berüchtigte Ärzteaffäre, in der neun Ärzte, darunter sechs Juden, landesverräterischer Beziehungen mit den Westmächten, vermittelt durch zionistische Organisationen, und eines Anschlags auf das Leben von Sowjetgeneralen beschuldigt und verhaftet wurden. Hier war offenkundig wieder der Sicherheitschef Berija das letzte Ziel der Aktion, die gleichzeitig den Antisemitismus aufwühlen sollte.

Salisbury spricht die Überzeugung aus, daß alle diese Affären von Stalin persönlich gesteuert waren und die Liquidation der genannten führenden Sowjetpolitiker einleiten sollten, zumal da seit der Ärzteaffäre alle sowjetischen Provinzblätter immer neue Skandalfälle aus den verschiedensten Gegenden der Sowjetunion berichteten. Die Beschuldigten waren meist Juden und Intellektuelle, wie Ärzte, Schriftsteller, Beamte der Handelsorganisationen, aber stets richteten sich nach kurzer Zeit die Vorwürfe auch gegen die Partei- und Sicherheitsorgan nisationen, weil sie jene skandalösen Vorgänge geduldet oder gar gefördert hätten. Auch Molotow entging der neuen Skandalwelle nicht. Im Zentralen Pressedienst erfolgten Verhaftungen und Geständnisse von Personen, die in einem engen Kontakt mit dem Außenministerium standen, später auch von Beamten des Auswärtigen Dienstes selbst. Der Chef der Agentur TASS, dessen jahrelange enge Freundschaft mit Molotow allgemein bekannt war, verschwand, ebenso Frau Molotow, von der man später erfuhr, daß sie nach Sibirien verbannt war.

Mitte Februar 1953, meint Salisbury, gab es kein Politbüromitglied mehr, das sich nicht als tödlich gefährdet ansehen mußte. Nur die Armee konnte sich noch bis zu einem gewissen Grad sicher fühlen – ihr kam zugute, daß ihre Generale angeblich durch die Ärzteverschwörung bedroht waren und daß der Kiewer Prozeß verfassungswidrig von einem Militärgericht durchgeführt worden war –, aber auch die Armee mußte sich fragen, wie lange diese Sicherheit im Anblick der anlaufenden Terrormaschine dauern würde. „Und über der Szene fühlte man gespenstisch die düstere Gegenwart eines Mannes, der so selten erwähnt und gesehen wurde – nämlich die von Stalins Kabinettschef, dem schweigsamen, undurchdringlichen General Poskrebischew –, dem Mann, der mit dem Tode seines Chefs spurlos verschwand.“

So herrschten im Februar finstere Befürchtungen im Kreml, Angst vor der Säuberung, die sich diesmal nicht gegen die ideologischen und persönlichen Widersacher Stalins richten sollte, sondern gegen all die führenden Männer des Politbüros, die jahrelang um seine Gunst gerungen hatten.

Service