Von Paul Hühnerfeld

Nur wenn jemand die Farbe Schwarz kennt, kann man mit ihm über Weiß reden. Um mir unter einem Helden etwas vorstellen zu können, muß ich wissen, was ein Feigling ist, und die Schönheiten eines echten Zwergpudels werden dem Besitzer erst dann deutlich, wenn er auch einen Hundebastard mit Borstenhaaren, hängenden Ohren und eingeklemmtem Schwanz kennt.

Was ich hier sage, sind natürlich Trivialitäten. Aber man ist doch immer wieder erstaunt, wie kluge Menschen, wie gute Schriftsteller gegen das aus diesen Trivialitäten herauszulesende Grundgesetz verstoßen, wonach jede Person und jede Sache ihres Gegensatzes bedarf, um klare Umrisse zu bekommen. Der Verstoß gegen dieses Grundgesetz ist der einzige schwere Fehler, den der Schriftsteller Wolfgang Koeppen in seinem neuen Buch macht:

Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom. Roman. (Im Scherz & Goverts-Verlag, Stuttgart, 256 S., 8,80 DM).

„Es war einmal eine Zeit, da hatten Götter in der Stadt gewohnt. Jetzt liegt Raffael im Pantheon begraben, ein Halbgott noch, ein Glückskind Apollos, doch wie traurig, was später sich ihm an Leichnamen gesellte, ein Kardinal vergessener Verdienste, ein paar Könige, ihre mit Blindheit geschlagenen Generale, Gelehrte, die das Lexikon erreichten, Künstler akademischer Würden ... Wen schert ihr Leben? ...“ – In so fesselndem Stil beginnt Koeppen seine Geschichte aus Rom zu erzählen. Es ist die Geschichte zweier deutscher Familien, deren Leben aufs engste verbunden war (und noch ist) mit unseren schwärzesten Jahren – mit der Zeit des Nationalsozialismus. Hauptfigur dieser Geschichte wird der ehemalige SS-General Judejahn, heute Waffeneinkäufer einer arabischen Macht und zum Zwecke solchen Kanonenerwerbs in Rom. Zur gleichen Zeit ist aus Deutschland die Familie Pfaffrath nach Rom gestartet, ehemals gemäßigte, .kultivierte Nazis, solche, denen der „Völkische Beobachter“ zu randalierend war und die deshalb „Das Reich“ abonnierten. Sie wollen ihren Schwager Judejahn heimholen, da die Zeit der „Verzeihung“ gekommen scheint. Mit sich schleppen sie die Frau des SS-Generals, die ihrem Mann übelnimmt, daß er nicht für den Führer gestorben ist und sich von diesem Standpunkt auch nicht abbringen läßt.

Dies sind die unverbesserlichen Gespenster einer dunklen Zeit, Gespenster freilich, die auch Kinder in die Welt gesetzt haben. Und diese Kinder befinden sich ebenfalls in Rom: Der Sohn Judejahns, der aus einer Junkerschule nach dem Zusammenbruch zur katholischen Kirche übertrat und jetzt kurz vor der Priesterweihe steht, und der Sohn der Pfaffraths, der Komponist wurde und gerade in Rom einen Preis empfängt. Zwischen diesen beiden Welten steht das Ehepaar Kürenberg: er ist seit seiner Vertreibung als Generalmusikdirektor aus jener deutschen Stadt, in der Pfaffrath Oberbürgermeister war, ein berühmter Dirigent geworden. Jetzt hat er der Komposition des jungen Siegfried Pfaffrath zum Preis verholfen, obwohl ihr Schöpfer doch de-Sohn jenes Mannes ist, der ihm 1933 riet, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen und der ihn und seine Frau Ilse aus Deutschland vertrieb, als Kürenberg sich weigerte.

Was nun in Rom beginnt, ist ein Amoklauf teuflichster Ressentiments. Ein Amoklauf, bei dem der schon von der Hölle gezeichnet“ SS-General Judejahn weit an der Spitze liegt, Angesichts dieser leuchtenden Stadt, in der er einmal als Kommandant geherrscht hat, Männer ins KZ kommandierte, Geiseln erschoß und Frauen vergewaltigte, ergreift ihn eine wahre Teufelsneurose: die Zwangsvorstellung, nicht alles getan, nicht genügend Menschen liquidiert, nicht genug Juden erschossen zu haben. Entgangen ist ihm zum Beispiel Ilse Kürenberg. Den eigenen Tod schon in sich, erschießt Judejahn sie nachträglich in Rom und bleibt so bis zum Ende, was er immer war: ein Mörder und treuer Gefolgsmann des „Führers“.