Monsignore Montini

Wer kann Informationen über das Leben im Vatikan hinter dem bronzenen Tor geben? Alle und keiner. Alle wissen etwas, oder glauben doch etwas zu wissen, und keiner ist ermächtigt; irgend etwas zu sagen. Die Prälaten sind -umgänglich und liebenswürdig, aber ihr Kontakt mit Journalisten ist nicht von der Art, wie sie in Äußenrninisterien und Botschaften üblich ist; dafür sind die Probleme und die Zwecke zu verschieden. Es wäre daher eine Illusion, anzunehmen, man brauche nur durch das bronzene Tor zu gehen, um auf jemanden zu stoßen, der einem die Gründe auseinandersetzen will und darf, um derentwillen Monsignore Giovan Battista Montini, der stellvertretende Staatssekretär für die laufenden Angelegenheiten, als Nachfolger des verstorbenen Kardinals Schuster auf den Erzbischofsstuhl von Mailand erhoben worden ist.

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Gewiß ist Monsignore Montini schon seit einigen Jahren eine der prominenten Figuren des Vatikans und de facto fast der Außenminister des Heiligen Stuhls; denn nach dem Tode des letzten Staatssekretärs, Kardinal Maglione, hatte Pius XII. keinen neuen Staatssekretär ernannt, sondern es vorgezogen, die Kompetenzen dieses Amtes zwischen Monsignore Montini, dem Stellvertreter für die laufenden, und Monsignore Domenico Tardini, dem Stellvertreter für besondere Angelegenheiten, aufzuteilen. Dennoch scheint Montini die bedeutendere Stellung innegehabt zu haben und in gewissem Sinne der eigentliche Sekretär des Heiligen Vaters gewesen zu sein. Jedenfalls hat man des öfteren gesagt, er entfalte eine größere politische Aktivität als Tardini, der bei manchen Aktionen des Heiligen Stuhls eher bremsend gewirkt habe. Aber es ist klar, daß sich der Heilige Stuhl politisch nicht passiv verhalten kann; denn der Kommunismus kämpft ja in allererster Linie gegen den Katholizismus als der einzigen Ideologie, die in der Welt ebenso weit verbreitet ist wie die seinige, und so gibt es für den Vatikan nur ein politisches Problem: die Verteidigung gegen den Kommunismus. Denn zu behaupten, daß der Vatikan zusehen solle, bis die Kosaken wirklich ihre Pferde am Brünnen auf dem Petersplatz tränken, wie die Panslawisten öfters schon gedroht haben, wäre zu viel.

An der Ernennung Monsignore Montinis fällt nun eines auf; während die hohen Prälaten in der Regel aus den Diözesen zur vatikanischen Diplomatie kommen, ist es bei ihm umgekehrt, und man fragt sich: wollte der Papst mit dieser Ernennung der bisherigen Aktivität Montinis ein Ende setzen oder wollte er ihm vielleicht gerade die Möglichkeit geben, die gleiche Tätigkeit auf einem wirtchaftlich und sozialpolitisch so wichtigen Felde, wie es die Diözese Mailand ist, noch stärker zu entfalten? Die meisten halten die erste Möglichkeit für die wahrscheinlichere, da die Ratgeber des Papstes die allzu radiKale Sozialpolitik Montinis mißbilligen, dem sie politische Übereinstimmung mit dem für eine Koalition mit der äußersten Linken werbenden Kammerpr'isi-. denten Gronchi nachsagen. Vor einigen Monatei* wurde Montini häufig im Zusammenhang mit dem Florentiner Bürgermeister La Pira, einem christlichen Demokraten vom äußersten linken Flügel, genannt, als dieser Politiker für Arbeiter eintrat, die illegalerweise die Fabrik Pignoni besetzt hatten. Damals soU'Montini ein Telegramm nach Florenz gesandt haben, in dem er sich mit den. Arbeitern solidarisch erklärte und gegen die Eigentümer der Fabrik Stellung nahm. Dadurch stützte er die These -La Piras, daß es erlaubt sei, aus ethischen oder sozialen Gründen ein legitimes Eigentumsrecht zu verletzen. Stellte der Vatikan, indem er sich für La Pira und die Arbeiter aussprach, nicht das Eigentumsrecht prinzipiell in Frage? Im Vatikan untersuchte man die Sache, und nach ein paar Wochen wurde das Telegramm desavouiert. Inzwischen aberfühlte sich La Pira zum Widerstand ermunteri; und antwortete dem Papst, -der i&n 'aufforderte,' Seilte; Methddeii "zu ändern, daß der Heilige Vater schlecht informiert Das ist aber nicht die einzige Episode, bei der Montini — wenn man den in Umlauf befindlichen Behauptungen Glauben schenken darf —- mit anderen Autoritäten des Vatikans in Meinungsverschiedenheiten geriet. Ein zweiter, viel besprochener Fall war der der Arbeiterpriester in Frankreich. Hier soll Montini, als überzeugter Verfechter sozialer Reformen und Gegner jedes Rechtskurses im Vatikan, die These aufgestellt haben, daß die Fabrikarbeit von Priestern ein unentbehrliches Mittel zur Wiedergewinnung vom Kommunismus infizierter katholischer Männer und Frauen sei; nur müsse die Tätigkeit der Arbeiter-.

priester einer zweckmäßigen Disziplin unterstellt werden. Seine Gegner im Vatikan waren jedoch der Ansicht, daß das Wirken der Arbeiterpriester ein für allemal ein Ende haben müsse.

Der Fall ist inzwischen ohne Strafmaßnahmen gegen die ungehorsamen Arbeiterpriester durch ein strenges Verbot, die Soutane mit dem Arbeitsanzug zu vertauschen, geregelt worden. Aber es bleibt der Eindruck, daß sich Montini in dieser Sache zu weit vorgewagt hat, und man meint, .die katholische Rechte, nicht zufrieden mit ihrem Sieg, habe darauf bestanden, daß der gefährliche Prälat aus der näheren Umgebung des Papstes entfernt werde. So wäre denn die Ernennung Montinis zum Nachfolger Kardinal Schusters eine. Bestätigung der Sprichworts „prornoveatur ut amoveatur" fman befördere ihn, um ihn zu entfernen).

Was wird nun weiter geschehen? Vor allem bleibt abzuwarten, ob der Papst das Staatssekretaria*' wiederherstellen und mit einen einzigen Kardin?! besetzen wird. Weiter wird man sehen, ob Pius XII. beabsichtigt, Montini in den Kardinalsrang zyt erheben. Als Ende 1952 vierundzwanzig neue Jvsrdinäle ernannt wurden, erklärte der Papst, er habe auch die Namen Montinis und Tardinis auf die Liste gesetzt, aber die beiden Kandidaten hätten gebeten, von ihrer Ernennung Abstand zu nehmen. Ein neues Konsistorium ist noch nicht in Sicht, obwohl inzwischen vier Kardinale gestorben sind, und es sieht auch nicht so aus, als ob Pius XII. demnächst weitere Kardinale zu ernennen gedächte. Italo Zingarelli

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  • Von Italo Zingarelli
  • Datum 24.7.2008 - 01:06 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 02.12.1954 Nr. 48
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