Oper ohne Gegenwart und modernes Schauspiel im Zahlenspiegel

Es gibt Lügen und gemeine Lügen; außerdem gibt es Statistiken. Diese englische Weisheit mahnt zur Vorsicht gegenüber einem Beweis durch Zahlen. Dennoch, mit der nötigen Skepsis befragt, erhellt die Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins Tatsachen, die sich während der Spielzeit 1953/54 herausgestellt haben. Der Bühnenverein ist die Organisation aller Rechtsträger, die in der Bundesrepublik und in Westberlin Theater unterhalten. An seiner jährlichen Umfrage haben sich diesmal 105 Bühnen beteiligt. Diese überwiegende Mehrheit berechtigt zu allgemeinen Schlußfolgerungen.

Vom Werk, also von der Substanz her betrachtet, werden zwei Drittel der deutschen Theaterspielpläne durch das Schauspiel bestritten. Die Oper hat nur einen Anteil von 18,7 v. H. Operette, musikalisches Lustspiel und Schwank, also die Muse einer rosaroten Traumwelt, bringt es sogar nur auf 15 v. H., obwohl sich in dieser Gruppe der absolute Weltrekord überhaupt befindet: Paul Burkhards „Feuerwerk“, das 1111 Vorstellungen auf 41 Bühnen zu verzeichnen hatte. Diese Gattung wird zuweilen als Kassenmagnet verteidigt: er müsse interne Überschüsse bringen, um kostspielige Experimente zu finanzieren. Damit kann es aber nicht weit her sein. Vergleicht man nämlich jene Werke des Schauspiels, die mindestens 25 Wiederholungen erreicht haben, mit den entsprechenden Stücken aus der rosaroten Wohltätergruppe, so stehen 17 106 Schauspielvorstellungen nur 7116 der Operette und ihrer Verwandten gegenüber.

Die geringsten Aufführungszahlen veist auf dieser Vergleichsbasis die Oper auf. Sie hatte in der vorigen Saison 6129 Abende. Die Oper scheint überhaupt das Schmerzenskind der deutschen Bühnen geworden zu sein. Zwar in allen Städten mit mehrteiligen Theatern gilt das Publikum zunächst als Opernpublikum. Wo man kein „großes Haus“ besitzt, müssen neue Theater gebaut werden – eben um Oper spielen zu können. Sie ist teurer als ihre Schwestergattungen. Normalerweise werden Opernsolisten höher bezahlt als Schauspieler. Außerdem braucht die Oper Orchester, Chor und Ballett. Von diesen vielköpfigen Körperschaften sind die Orchester- und Chormitglieder als Beamte oder Angehörige tariflich streng disziplinierter Gewerkschaften ein Ausgabeposten, der keiner freien Vereinbarung zugänglich ist. Bei Gehaltsbewegungen allgemeiner Art treibt zunächst er, und zwar zwangsläufig, den Theateretat in die Höhe.

Hindemith an 53. Stelle

Dieser teuerste Apparat des Theaters wird am geringsten ausgewertet. 60 v. H. aller Operneinstudierungen erreichen keine 25 Vorstellungen. An Ur- oder deutschen Erstaufführungen fanden in der vorigen Spielzeit neun statt. Nicht eine findet sich in der Liste von Werken mit mindestens 25 Wiederholungen. Dieser Erfolgskatalog verzeichnet überhaupt nur fünf lebende Opernkomponisten. An ihrer „Spitze“ steht Paul Hindemith. Das heißt: er steht an 53. Stelle der Häufigkeitszählung. Sein „Mathis der Maler“ ist an sechs Bühnen gespielt worden und erreichte dabei 36 Aufführungen. Das sind an jeder Bühne ganze sechs Abende. Die anderen Lebenden sind Britten, Honegger, Menotti und F. X. Lehner, dieser mit der komischen Oper „Die schlaue Susanne“. Ist es unter solchen Umständen zuviel behauptet, wenn man die kostspielige Opernpraxis der deutschen Bühnen ein „Theater ohne Gegenwart“ nennt?

Was wird denn nun auf den Opernbühnen hauptsächlich gespielt? –: Etwas anderes, als was eine landläufige Meinung behauptet! Die absolute Spitze halten „Zar und Zimmermann“, „Carmen“, „La Traviata“, „Hoffmanns Erzählungen“ und „Der Barbier von Sevilla“. Also Werke, die weder in musikalischer noch in bühnentechnischer Hinsicht die Ansprüche der „großen Oper“ stellen, die nach Ansicht der Theaterbehörden vom Geschmack des „Opernpublikums“ gefordert wird. Richard Wagner erscheint in der Statistik erst an sechster Stelle und dort mit dem „Fliegenden Holländer“. Erst als 33. und 35. Position tauchen als nächste Wagner-Werke „Tannhäuser“ und die „Meistersinger“ auf. Insgesamt erreichte Wagner im deutschen Jahresrepertoire nur 453 Vorstellungen, Richard Strauß sogar nur 255. Hier dürfte sich eine Verschiebung des Publikumsgeschmacks abzeichnen. Er wendet sich von der Hoch- und Spätromantik samt ihrer Bühnenform zu sinnfälligeren, leichteren, spielhafteren Opern. Diese Sinnesänderung muß keinen Niveauverlust enthalten. Das zeigt der Repertoirerang Mozarts. Von ihm erzielten fünf Opern 699 Vorstellungen, also mehr als Wagner. Von den Italienern dominiert in Deutschland Verdi mit 1098 Vorstellungen. Puccini einreichte 667 Abende.