GEORGE GROSZ:Ein kleines Ja und ein großes Nein

Sein Leben von ihm selbst erzählt – I. Ich suchte meine Form auf eigene Faust – Das Offizierskasino in Stolp

George Grosz, der als Zeichner und Maler in den zwanziger Jahren durch seine sozialkritischen Bilder Aufsehen erregte, lebt seit 1932 in New York. Bei seinem letzten Besuch in Deutschland im vorigen Jahr übergab er dem Rowohlt-Verlag sein Buch „Ein kleines Ja und ein großes Nein“, eine erweiterte Ausgabe seiner schon in Amerika herausgebrachten Selbstbiographie. Wir veröffentlichen aus diesem fesselnden Manuskript die wichtigsten Teile.

Auf meinen Vater besinne ich mich nur undeutlich. Er starb, als ich sechs Jahre alt war. Wir wohnten damals in der kleinen Stadt Stolp in Hinterpommern, und mein Vater bewirtschaftete als Kastellan und dienender Bruder die dortige Freimaurerloge. Das schöne Logenhaus lag dem Gymnasium gegenüber an einer ruhigen, guten Straße, hinten schloß sich ein großer Garten mit Tennisplätzen an, und in einem zweiten, mehr verwilderten Garten ein geheimnisvoller runder Teich voller Kaulquappen und Frösche. Mein Vater zeichnete ein wenig, und ich erinnere mich noch, wie ich, auf seinem Schoß sitzend, unter seiner Hand allerlei Getier entstehen sah: Männchen, Pferde und Soldaten – er hatte als junger Mensch den Siebzigerkrieg mitgemacht und war bei der Belagerung von Paris dabei gewesen. Mein Vater hatte dunkles Haar und blaue Augen.

Ich hatte es gern, in seiner Nähe zu sein und zuzusehen, wie er mit Flaschen und Gläsern hantierte. Denn er mußte das Büfett für den Abend zurechtmachen, und ich liebte die Formen und Etiketten der Flaschen, freute mich über die bunten Bilder auf den Zigarrenkisten und versuchte auch wohl, manches nachzuzeichnen.

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Ein adliges Fräulein malte einmal auf unserer Veranda im Garten. Sie kopierte allerdings bloß ein Stilleben – Pfirsiche und Pflaumen –, aber ich war entzückt. Die Art, wie sie den schmelzigen Tau auf den blauen Pflaumen wiedergab, wenn auch nach Vorlage, schien mir höchste Kunst; Ich dachte noch nicht daran, Maler zu werden, aber ich hätte zu gern so etwas auch gekonnt. Die Illusion, etwas so Natürliches hervorzuzaubern, gefiel mir. Und diese Freude an einer Art richtiger, runder Imitation hat mich nie verlassen: Setze ich mich heutzutage vor ein Stilleben, so sehe ich mich immer wieder im Geiste auf jener Veranda, wo die naturgetreuen Pfirsiche und Pflaumen unter den geschickten Händen des adligen Fräuleins entstanden.

Als mein Vater starb, zog meine Mutter mit uns nach Berlin. Wir wohnten dort in der Wöhlertstraße, nahe dem Wedding. Meine Mutter und meine Tante nähten für einen Großunternehmer Blusen – eine damals häufig ausgeübte Beschäftigung, die bei viel Arbeit nicht gerade viel Geld einbrachte. Die Zeiten waren zwar billig, aber Geldsorgen gab es jetzt immer, Wenn es auch zum Notwendigsten reichte. Wir wohnten in einem richtigen Proletarierviertel aber das wurde mir damals nicht recht bewußt. Die Straße war voller Kinder und wimmelte von Leben. Aber eines Tages wendete sich unser Schicksal. Wir zogen wieder nach Pommern. Auf Reisekoffer gebettet, die Nacht über dösend, fuhren wir nach meinem geliebten Stolp zurück. Durch Beziehungen und Empfehlungen konnte meine Mutter das Offizierskasino der dort stationierten Fürst-Blücher-Husaren zur Bewirtschaftung übernehmen. Die drückende Sorge um das tägliche Brot hatte vorerst ein Ende.

Fasse ich meine Jugendzeit in Stolp zusammen, so kann ich wohl sagen, daß sie im großen ganzen glücklich war. Ich lebte unbehelligt und frei, und da meine Mutter den lieben langen Tag in Küche und Keller zu tun hatte (nebenher wurden viele Kochfräulein ausgebildet), so wuchs ich gänzlich auf eigene Faust und ungezwungen heran; Welch schöne Zeit wir hatten! Mit meinen Freunden streifte ich umher, im nahen Walde und am Flusse, der an unserer Wohnung vorbeizog. Auf der Bleichwiese spielten wir Indianer und Trapper. Im Zeichen Lederstrumpfs und Karl Mays beschossen wir uns gegenseitig mit Luftbüchsen und selbstgemachten Katapulten.

  • Quelle dpa
  • Schlagworte George Grosz | Gymnasium | USA | Berlin | München | Paris
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