Keine Jugendrevolte - was nun?

von Conrad Westpfahl

In der Tat, viele Gutmeinende aus der älteren Generation sind ratlos angesichts einer Jugend, die sich nicht zusammenschließt, um gegen die Alten ihr Jugendreich zu bauen. Man konnte Sechziger zu jungen Menschen sagen hören: Wir sind heute noch jünger als ihr! Worauf die Jungen ironisch oder beschämt lächelten und nichts zu antworten wußten. Einige aber gingen und versuchten, rührend und ungeschickt, jugendbewegt jugendlich zu sein. Aber es glückte ihnen nicht. Daran ist zu erkennen, daß die Jugendrevolte, deren Nachzittern jenen Sechzigern noch Jugendlichkeit verleiht, ganz und gar zu Ende ist. Wir tun gut, uns das klarzumachen und einige Folgerungen daraus zu ziehen.

Die Jugendbewegung im ersten Viertel des Jahrhunderts hat den Mitlebenden viel Glück geschenkt, sie hat Impulse von unendlichem Reichtum verstreut. Jugendbewegung: das hieß Unruhe, Suchen, Glück des ewigen Unterwegsseins, der menschlichen Nähe in gemeinsamem ahnendem Sehnen; das hieß: nie fertig, nie klar, nie reif, nie zu bündigen Lösungen bereit sein. Die in dieser Weise jung waren und sich in der träumenden Fülle selbst genossen, lächelten überlegen auf die Philister, die Bürger, die fleißigen Arbeiter, die Entschlossenen und Tätigen herab und hielten’s mit dem Taugenichts, dem sich zuletzt noch das Wunder seines Traumes erfüllte. Da sie auch nach dem mannigfachsten Scheitern immer zu neuem Traum in die Zukunft bereit waren, machten sie den Eindruck ewiger Jugend, wie jener Sechziger, der sein Beispiel empfahl.

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Aber die Jungen kennen das alles nicht mehr. Sie sind nicht in eine Vätergeneration hineingeboren, die satt und selbstzufrieden auf sicheren Wegen des Fortschritts wandelte, die den Jungen Beifall klatschte, wenn sie die alten Götter als Götzen verhöhnten. Die jungen Menschen saßen mit den Eltern in den Luftschutzkellern, keuchten in den Trecks neben ihnen her, halfen Kartoffeln buddeln und Torf stechen, sahen den letzten Ernst in ihren Augen, als sie aus den Trümmern den Heimatlosen neue Wohnungen bauten. Das sind die Grunderfahrungen, aus denen sie die Welt und sich in ihr begreifen. Sie helfen mit und finden sich darin anerkannt und in ihrem Wert bestätigt: daß die Eltern sie brauchen, ist ihnen nicht Hemmung, sondern gibt ihnen Selbstbewußtsein und Auftrag, in den sie auch die Nachkommenden einführen. Sie lernen nach dem Nächsten sehen, für Morgen vorsorgen – sie haben keine Zeit in Möglichkeiten zu träumen. Angehörige der heute älteren Generation haben den „Konkretismus“ der Jugend beklagt. Zu Unrecht, wie ich glaube. Die mit ihr zu tun haben, bezeugen ihr, daß sie nie einer ernsteren und verantwortungsbewußteren Jugend begegnet seien. Und wenn wir gerecht sein wollen, müssen wir – gerade die ehemals Jugendbewegten – die Jugend ermutigen, sich zu ihrer eigenen Idealität zu bekennen. Also: keine „Jugendlichkeit“ fordern, die notwendig, alt und verstaubt ist, sondern den Jungen gerade dann helfen, wenn sie – anders als wir einst – heute ernster, knapper, sachlicher und bewußter nach ihren Zielen strebt.

Die Jugend sieht sich heute nicht in einem geschichtlichen Auftrag als Gruppe zusammengeschlossen, sie steht nicht geeint gegen die ältere Generation im Protest – nichts von alledem. Eine Befragung ergab, daß die übergroße Mehrzahl der jungen Menschen bereit war, auf die Älteren zu hören, weil sie „größere Lebenserfahrung“ hätten.

Aber es wäre ein verhängnisvolles Mißverständnis, wenn man annehmen würde, daß es keine Entwicklungskrisen mit ihren Selbstzweifeln und Schmerzen gäbe. Es wäre Aufgabe jugendpsycholo-– gischer Forschung, sichtbar zu machen: wie damals, zur Zeit der Jugendbewegung, die Qual des Nichtverstandenseins, das Leiden am eigenen Ungenügen im allgemeinen Jugendprotest erlösenden Ausdruck und Rechtfertigung fand. Daß dieser Weg der Katharsis dem Jugendlichen heute nicht mehr offensteht, macht es ihm schwerer, seine Nöte fruchtbar zu überwinden. Daraus ergeben sich neue Aufgaben für die Älteren. Anstatt die Jungen auf die eigenen Pfade zu stoßen, sollten sie erkennen, daß sie hier und jetzt gebraucht werden als Helfer, Ratgeber und Beispiel. Das ist eine neue Lage, die von den angeblich ewig Jungen wirkliches Nachdenken und Mut zum Ernst verlangt.

Wenn man diese veränderte Lage historisch und psychologisch zu ergründen sucht, so mag man die Wandlung geradezu als „Folge“ der Jugendbewegung verstehen. Dies? Bewegung setzte sich gegen falsche Autorität, gegen Hemmung und Unjugendlichkeit zur Wehr und verlangte in heftigem Protest: Freiheit, Eigenleben, Recht auf Jugendseligkeit. Was aber sollte die Jugend dreißig Jahre später verlangen – etwa gar heftig, revoltierend – wenn ihr das alles von ihren Vätern mit offenen Händen und Herzen geboten wurde, lange bevor es gefordert werden konnte? Wie aber kann man fordern, was man als Atmosphäre selbstverständlich atmet? So ist wahrscheinlich, daß auf eine jugendbewegte eine nicht bewegte Jugend mit Notwendigkeit folgen mußte.

Ja, es ist ein leiser, aber hörbarer Protest in der anderen Richtung vernehmbar: Warum wollt ihr. immer jung sein? Da wir doch einen Anspruch auf eure Reife, euren Ernst, euer Beispiel haben!

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