Der Belegschaft eines Betriebes der Grundstoffindustrie wurde kürzlich von Meinungsforschern die Frage vorgelegt: „Gibt es bei euch eine Mitbestimmung?“ Wie sich herausstellte, hatten 60 v. H. der Befragten überhaupt keine oder völlig falsche Vorstellungen. Nicht besser war das Ergebnis einer Umfrage nach Existenz und Aufgaben eines Arbeitsdirektors. Eine andere repräsentative Erhebung hat zu ergründen versucht, wie weit die Kenntnis vom Wesen einer Aktie verbreitet ist. In diesem Falle wären 30 v. H. der Antworten völlig falsch, 60 v. H. offenbarten reichlich nebelhafte Vorstellungen, und nur 10 v. H. trafen den Kern. Bei dieser Befragung schnitten die bei Aktiengesellschaften Beschäftigten am schlechtesten ab. An anderem Ort im Ruhrgebiet sollte eine Umfrage ein Bild darüber vermitteln, welche Vorstellungen über die steuerliche Belastung der Gehälter bestehen. Während die Antworten bei den niedrigen und mittleren Einkommensgruppen der Wirklichkeit ziemlich nahekamen, war die Kenntnis von der steuerlichen Belastung eines Monatsgehaltes von 4000 DM bei 45 v. H. der Befragten überhaupt nicht vorhanden, und der Rest schätzte die Abzüge im Durchschnitt nur etwa zwei Fünftel so hoch ein, wie sie tatsächlich sind ...

Hier zeigt sich also eine erschreckend mangelhafte Bildung in wirtschaftlichen Fragen, die die wirtschaftspolitische Diskussion schwer belastet. Sollen die Auseinandersetzungen zwischen den Sozialpartnern von einer sachlichen Ebene aus geführt werden, so müssen wohl gewisse wirtschaftliche Grunderkenntnisse so schnell wie möglich Gemeingut werden.

Schon vor gut einem Jahr hat die Volkswirtschaftliche Gesellschaft in Hamburg eine Tagung „Wirtschaft und Schule“ veranstaltet, in der sich verantwortliche Männer beider Seiten gemeinsam darum bemühten, Wege zu finden, wie wenigstens die heranwachsende Generation mit einem Minimum wirtschaftlichen Wissens ausgerüstet werden kann. Vergleicht man die damaligen (in Buchform im C. W. Leske Verlag, Darmstadt, erschienenen) Diskussionsbeiträge mit denen, die vor wenigen Tagen auf einer Berliner Tagung der gleichen Veranstalter geliefert wurden, so muß man mit Bedauern feststellen, daß trotz der Dringlichkeit dieser Fragen inzwischen offenbar nichts geschehen ist. Es hat den Anschein, als ob vor allem die Schulverwaltungen bis hinauf zur Ministerialbürokratie zu schwerfällig sind, um zu Entschlüssen zu kommen. Warum besteht nicht wenigstens in jedem Bundesland eine Schule oder mindestens ein Ausbildungszug, der sorgfältig durchdachte Versuche in Richtung auf eine stärkere Vermittlung wirtschaftlichen Wissens anstellt? Die Wirtschaft, insbesondere die Industrie, ist offensichtlich nicht nur lediglich daran interessiert, sondern auch zu tatkräftiger Hilfe bereit. Die Schulmänner aber begnügen sich mit dem beschwichtigenden Einwurf: „Laßt uns Zeit!“

Diese Haltung entspringt zu einem guten Teil wohl auch der Erkenntnis, daß der heute gegebene Bildungsstand der Lehrerschaft solchen Anforderungen kaum gewachsen ist. Einsichtige Vertreter der Schule geben zu, daß auch der beste Nationalökonom als Professor an einer Pädagogischen Hochschule nichts taugt, wenn er sein Wissen nicht so zu vermitteln vermag, daß es mit dem erwünschten Nutzeffekt von dem künftigen Lehrer weitergegeben werden kann, was nun allerdings nichts daran ändert, daß es hoch an der Zeit ist, den Kampf gegen das „wirtschaftliche Analphabetentum“, wie ein Sprecher der Industrie es treffend formulierte, aus dem Stadium der Diskussion in das der Initiative hinüberzuführen. gns.