Die Frage „Können Sie Auto fahren?“ wagt man heute in Gesellschaft kaum zu stellen, da sie fast als Beleidigung gewertet wird. Alle können sie Auto fahren. Und wie!

Und doch können Sie nicht Auto fahren, solange sie keine Ahnung haben, wozu ein Auto eigentlich dient. Dienen könnte. Ich spreche hier nicht von denen, die ihren Wagen als notwendiges Beförderungsmittel brauchen, das ihn unabhängig vom lästigen Zeitverlust ungünstiger Zuganschlüsse macht. Ich spreche von denen, die ganz privat ein Auto benutzen.

Schon die Wahl des Wagens verrät meist, wes Geistes Kind der Fahrer ist. Sein Wagen soll vor allem stark und schnell, noch schneller sein. Es ist erstaunlich, wie stolz der Besitzer auf das ist, was nicht er, sondern seine Maschine leistet. „Wir haben, tatsächlich in drei Wochen fünf Länder durchfahren und dabei 8000 km gemacht – täglich 500 mit einem einzigen Rasttag. Wir haben uns freilich auch viel geärgert über die Banditen, die uns nicht vorfahren ließen oder uns vorführen.“

Es gibt langweilige Landstraßen, auf denen jeder gern rascher weiterkommt und kommen soll, solange er andere nicht gefährdet. Aber wenn man die Vergnügungsreisenden auf der Corniche an der Côte d’Azur erlebt oder in Spanien, wie sie die Dörfer durchrasen, in denen Denkmäler einer berühmten Zeit stehen, auf den herrlichen Schwarzwaldstraßen, die im frischen Grün oder im Herbstgold prangen, an der italienischen oder normannischen Küste, auf den Paßstraßen der Schweiz – dort bin ich auch gewesen, erzählen sie, aber mehr haben sie nicht zu sagen –, dann fragt man sich verblüfft, warum sie sich nicht in einen D-Zug setzen und durch die großen Fenster des Speisewagens, vor sich eine gute Flasche Wein, hinaus in die Landschaften sehen, von denen sie so doch viel mehr genießen könnten als mit der Nase auf dem Volant und zwischen zwei Flüchen gegen alle anderen Straßenbenutzer.

Wer nicht weiß, daß sein Wagen ihm wunderbare Unabhängigkeit von den allzu zweckmäßig geführten Strecken der Eisenbahnen bietet, auf denen man fast niemals eine Stadt erleben kann, weil die Bahnhöfe außerhalb liegen, der weiß nichts vom Autofahren. Das Auto erlaubt Umwege, Abzweigungen von den großen Straßen, „auf denen man so rasch weiterkommt“, den Besuch von Nebentälern, einsamen Pässen, unbesiedelten Seeufern. Das Auto erlaubt vor allem Verweilen, wo man will, und Schauen, Wirklich Auto fahren kann nur, wer in schönen Landschaften jenseits der großen Straßen so langsam zu fahren versteht, daß ihm nichts entgeht und er zugleich die Straße übersehen kann. Schon mit 80 geht das nicht mehr, und wer nicht einmal eine halbe Stunde im 20-Kilometer-Tempo fahren kann, der weiß nicht, wozu er ein Auto besitzt. Ein starker Wagen ist deshalb so angenehm, weil man mit ihm geräuschlos ganz langsam fahren kann. Ein Mittel zu Entdeckungen persönlichster Art kann ein Auto sein.

Wir sollten lernen, mit dem Auto zu wandern. Auch auf einem langweiligen Straßenstück abseits liegende Schönheiten und Seltsamkeiten erspüren und entdecken, unbekümmert um die Rekordler, die an uns vorüberrasen, das macht Freude, Durch einen Bergwald fahren, Fenster und Verdeck öffnen, so daß man Tannenduft atmet, die Stille gewinnt. Den See entlanggleiten und alle Farben, seiner Ufer und Wasser mit glücklichen Augen auf? nehmen, durch ein einsames Flußtal

und erleben, wie an jeder Biegung das Licht anders durch den Laubwald dringt und die Bäume sich anders in den Wassern spiegeln. Da und dort in einsamen Herbergen oder in Dörfern die Baedeker mit keinem Sternchen versah, anhalten und mit einfachen Menschen sprechen, die nicht vom Fremdenverkehr leben. Was die Maschine leistet, ist nicht Verdienst des Fahrers, aber wie sie für ihn zur Bereicherung werden kann, wie man sie für glückliche Wandertage nutzt, das allein ist eigener

Verdienst und verleiht einen Führerschein des keine Behörde ausstellen kann. Grete v. Urbanitzky