Die sieben fetten Jahre

Drohen in der deutschen Landwirtschaft Krisen durch Überproduktion?

Das sogenannte „Grundgesetz der Landwirtschaft“ soll in diesem Wirtschaftszweig kostengerechte Preise sichern. Die Fragen, ob bei der Berechnung des typischen Aufwands für die landwirtschaftliche Erzeugung Kapitalverzinsung und ein Betriebsleiterzuschlag berücksichtigt und ob Löhne und Naturalleistungen den vergleichbaren Sätzen anderer Wirtschaftszweige angenähert werden sollen, sind Gegenstand der Auseinandersetzung. Überdies bestehen zwischen Bundesernährungsminister Lübke und Wirtschaftsminister Erhard Meinungsverschiedenheiten darüber, ob überhaupt eine gesetzliche Regelung getroffen werden soll. Der folgende Aufsatz soll über die Lage der Landwirtschaft unterrichten.

Was kaum einer in den Hungerjahren nach dem Krieg, als jeder zweite Deutsche vom Ausland ernährt werden mußte, für möglich hielt, ist eingetreten: die deutsche Land Wirtschaft nähert sich, so behauptet sie jedenfalls, rasch der Überproduktion. Die Vorstellung, wir seien noch weit entfernt davon, beruhe auf einseitiger Betrachtung der Gesamtzahlen, der Tatsache nämlich, daß die Einfuhr von Lebensmitteln in unserer Handelsbilanz noch immer einen beachtlichen Posten darstellt. Selbstverständlich sind wir ein Zuschußland für Brotgetreide, aber selbst da gibt es Unterschiede. Wir haben zwar einen Mangel an Weizen, an Roggen aber einen Überschuß, nur noch die Hälfte wird als Brotgetreide vermählen, das übrige dient meist als Viehfutter. Hier wäre ein Ausgleich theoretisch möglich. Aber der Weizen gedeiht auf unseren Böden nicht überall, und der Verzehr neigt sich, als Folge vielleicht des großstädtischen Geschmacks, immer mehr zum weißen Brot, Das zu ändern, hat man oft genug versucht. Hindenburgs Wort: „Ich esse nur das gute Roggenbrot“, prangte einst an allen Litfaßsäulen, allzu viele hat es nicht überzeugt.

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Auch die „Fettlücke“ werden wir kaum aus eigener Kraft schließen können, tropische Pflanzenfette oder das Walöl als Grundstoffe der Margarine sind unentbehrlich. Südfrüchte wachsen ebenfalls nicht in Deutschland. An Kartoffeln ernten wir bereits so viel, daß nur ein Drittel oder ein Viertel der 23 bis 27 Mill. Tonnen im Jahr als Speise dienen; auch hier hat der Geschmack sich edlerer Nahrung zugewandt. Die Zuckerproduktion steht dicht unter der Grenze des Verbrauchs. 1953 hatte sie sie schon erreicht, so daß man die Einfuhr horten mußte, im letzten Jahr fiel sie durch die schlechte Ernte etwas ab, aber inzwischen ist die Anbaufläche weiter gewachsen. Niedersachsen allein erzeugt bereits einen Überschuß für 12,8 Millionen Menschen, und in Süddeutschland läuft die Ausdehnung des Rübenanbaues erst an. Vor kurzem wurde in Ochsenfurt die erste Zuckerfabrik Bayerns eingeweiht (der Konfessionsstreit bei der Weihehandlung ist noch in Erinnerung), zwei weitere sind geplant. Diese Entwicklung wird kaum nachlassen, denn nicht nur ist die Zuckerrübe die Frucht mit dem höchsten Flächenertrag, sie ist auch unentbehrlich für die Verbesserung der Böden. Blätter und Schnitzelrückstand liefern wertvolles Futter.

Milliarden-Investitionen

Ob man den Verbrauch steigern könnte? Der größte Zuckerhunger ist in den sieben fetten Jahren seit der Währungsreform jedenfalls gestillt. Vielleicht könnte man es noch durch Senkung der Steuern, die den Käufer im Endeffekt mit 28 v. H. des Preises belasten, aber auch das kaum in Mengen, die der wachsenden Erzeugung gegenüber ins Gewicht fallen.

So drängt in der Landwirtschaft von der Urproduktion her fast alles zum Überangebot und zum Verbrauchermarkt. Das aber bedeutet sinkende Preise in einer Zeit, da die Landwirte ohnehin um eine Gleichstellung mit der Industrie, um Parität durch „kostengerechte Preise“ kämpfen. Die rasche Steigerung der Produktivität ist ein Beweis, wie gewaltig die Leistung der Landwirtschaft seit dem Kriege war. Volkswirtschaftlich handelt es sich um bedeutende Posten – allein die Milcherzeugung bewegt sich in der Größenordnung der Kohleförderung. Milliardeninvestitionen stehen dahinter,mit denen die Landwirtschaft sich rationalisiert, technisiert, intensiviert hat. Die Vollmechanisierung eines bäuerlichen Familienbetriebes erfordert 40 000 Mark.

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