Anfang Oktober des vergangenen Jahres hatte Johannes Hoffmann den Röchling-Direktor Dr. Albert Maier nach Saarbrücken eingeladen, um über die Völklinger Hütte zu sprechen. Dr. Maier stieg im Hotel Messmer ab und wurde dort wenige Stunden später von saarländischen Kriminalbeamten für festgenommen erklärt. Sie beriefen sich auf eine Anordnung von Innenminister Hector, der rund vierhundert Bundesdeutsche auf einer Liste der im Saargebiet unerwünschten Personen zwecks polizeilicher Vorführung und anschließender Ausweisung zusammengestellt hat. Im Falle des Direktors Maier verhinderte ein Anruf Hoffmanns die Ausführung der Hectorschen Befehle.

Im vertrauten Kreise politischer Freunde soll der Innenminister kurz darauf erklärt haben, er verdiene es wirklich nicht, fortwährend als Handlanger der Sûreté und als Franzosenknecht gebrandmarkt Zu werden. Auf polizeilichem Gebiet führe er strikte nur das durch, was im Kabinett beschlossen wurde. Der wahre Schuldige an gewissen polizeistaatlichen Auswüchsen sei Justizminister Erwin Müller, der im Kabinett immer das große Wort führe und der in der Bundesrepublik umherreise, um sich dort anzubiedern.

Zwischen den Ministern und Funktionären der Christlichen Volkspartei ist es zu tiefgreifenden Verstimmungen gekommen: kann und soll das neue Saarstatut den französischen Einfluß in diskreter Form verewigen, soll es die Saar zu einem autonomen „zweiten Luxemburg“ machen oder eine engere Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik anbahnen? Von diesen drei möglichen Tendenzen entspricht nur die autonomistische mit europäischer Verbrämung der von Johannes Hoffmann vertretenen Parteilinie, während die Abweichungen nach der deutschen und nach der französischen Seite hin noch kaum Gelegenheit hatten, sich innerhalb der Regierungspartei zu manifestieren. Der französische Staatsbürger Hector aber muß mit Recht befürchten, daß er von seinen eigenen Parteifreunden und Ministerkollegen als ein untragbar gewordener Handlanger der Sûreté und Franzosenknecht“ beiseite gedrängt wird. Der Mohr hat (insbesondere bei den Landtagswahlen im November 1952) seine Schuldigkeit getan ...

Wer ist Dr. Edgar Hector? Der heute 46jährige Verwaltungsjurist mußte als nationaler Konvertit den Weg gehen, auf den ihn das Schicksal seines Vaters Dr. med. Jakob Hector zwang. Dieser Mann war 1920 als Bürgermeister von Saarlouis in die Regierungskommission für das Saarland delegiert worden, er trat aber zwei Jahre später „aus Gesundheitsrücksichten“ zurück, nachdem alle damaligen politischen Parteien des Saargebiets in einer Eingabe an den Völkerbund das Ausscheiden Hectors mit der Begründung gefordert hatten, daß er „in der Stadt Saarlouis eine ganze Reihe von Handlungen begangen hat, die ihn dort unmöglich machen“. Ein Stadtratsbeschluß vom Juni 1919, den Dr. Hector in eine Loyalitätserklärung für Frankreich umgefälscht hatte, verwickelte ihn in ein Meineidsverfahren. Von 1922 bis 1934 sieht der heranwachsende Edgar seinen Vater von Mitbürgern und Landsleuten gemieden und geächtet. Erst in dem Jahr vor der Saarabstimmung von 1935 erlebt Edgar, inzwischen Student an der Sorbonne, einen neuen Auftrieb für den Separatismus, weil nun auch andere Gruppen von Saarländern (darunter Johannes Hoffmann) aus Furcht vor Hitler den Status quo befürworten. So werden auch die Hectors für kurze Zeit wieder gesellschaftsfähig, bis das Abstimmungsergebnis sie endgültig zwingt, nach Metz zu gehen und Franzosen zu werden. Als französischer Hauptmann kehrt Edgar Hector 1945 ins Saargebiet zurück; zwei Jahre später läßt er sich als Abgeordneter der Christlichen Volkspartei in den Landtag wählen.

Bei jener Landtagswahl vom 5. Oktober 1947 hatte die Militärregierung den Parteien Kandidaten aufgezwungen, die auf legalem Wege nie auf die Wahlvorschläge gekommen wären, vor allem Anhänger des MRS (Mouvement pour la Rattachement de la Sarre à la France), eines von der Besatzungsmacht ins Leben gerufenen Zirkels für den Anschluß der Saar an Frankreich, dem auch Hector nahestand. Seine Kandidatur verteidigte der CVP-Vorsitzende Hoffmann gegen den hartnäckigen Widerstand derjenigen Parteifreunde, die keine Franzosen auf den Listen schlucken wollten. Man sagte ihnen vertraulich, es sei gerade gut, auch solche Leute im Landtag zu haben, denn dann könne man um so fester gegenüber der Militärregierung auftreten.

Hector wurde Landtagsabgeordneter, Staatssekretär und 1948 kommissarischer Innenminister; Freunde gewann er nie. Er selbst sah am klarsten, daß sich die Menschen an der Saar niemals freiwillig unter die französische Gewalt beugen würden. Er vergaß die Schmach nie, die sein Vater als Separatist erlitten hatte. Und er wußte immer, daß nur Polizeidruck, Versammlungsverbote, Zensur und Ausweisungen das Regime am Leben erhalten konnten.

Die Landtagswahlen vom 30. November 1952, die keineswegs freie Wahlen waren, standen im Zeichen des Hectorsehen Oderint dum metuant. Aus 140 zuverlässigen Polizeibeamten wurde ein motorisiertes Wahlsonderkommando gebildet, das aus elf Einsatzgruppen bestand. Sie waren mit Dienstpistolen und verstärkten Gummiknüppeln ausgerüstet. In allen wichtigeren Wahlversammlungen trat diese in Zivil gekleidete Knüppelgarde auf und brachte Zwischenrufer mit brutaler Gewalt zum Schweigen. (Hector am 29. November 1952 als CVP-Redner in Saarlouis: „Wer jetzt noch einen Zwischenruf macht, wird gewaltsam an die frische Luft gesetzt!“) In Beckingen, Friedrichsthal, Altenkessel und Burbach kam es zu schweren Mißhandlungen oppositioneller Versammlungsteilnehmer durch die Polizei. Am 20. November überfielen vier Beamte der von Gendarmeriehauptwachtmeister Josef Schackmann geleiteten Einsatzgruppe IX die Familie des der verbotenen Demokratischen Partei (DPS) angehörenden Schmiedeobermeisters Georg Geiger in Saarbrücken, Rathausplatz 7. Ohne sich als Polizeibeamte zu erkennen zu geben, schlugen sie mit Gummiknüppeln und Fäusten auf den Sohn und die Schwiegertochter Geigers ein. Geiger selbst erlitt bei dem Überfall eine Herzschwäche, an der er verstarb. Innenminister Hector „fand“ die Täter erst zehn Tage nach den Wahlen. Das gegen sie eingeleitete Strafverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung, fahrlässiger Tötung, Nötigung und Hausfriedensbruch mußte auf Grund eines Amnestiegesetzes eingestellt werden.