In den Ferienmonaten bietet man den Hörern gern „sommerlich Leichtes“ – ohne immer zu bedenken, daß das Vergnügen des Hörers an „leichten“ Dingen um so mehr abnimmt, je leichter es sich der Autor der betreffenden Sendung gemacht hat. Umgekehrt wächst die Freude an einem Scherzspiel in genau dem Maße, in dem das Spiel ein in sich vollkommenes Gebilde geworden ist. Paul Hühnerfelds burleskes Hörspiel „Das Wahrheitsserum“, für das Sommerprogramm von Radio Bremen geschrieben, hat dies Gerundete in hohem Grade – was sich schon an der gutgelaunt ten Sorgsamkeit äußerte, mit der die Darsteller ihre Figuren ausgefeilt hatten. Zwei satirische Pointen schiebt Hühnerfeld ineinander: Ein junger Filmmann, dessen Ehrgeiz auf den perfekten Kriminalfilm geht, liest die Meldung von einem Mordprozeß, bei dem der Täter (angeblich) durch das „Wahrheitsserum“ überführt worden ist, und plant sogleich einen Film mit diesem Motiv. Doch ehe er sich’s versieht, wird er selbst mit dieser legendären Droge bekannt. Denn die Erbtante seiner Verlobten, bei der er zum Kaffee eingeladen ist, kommt um die angesagte Stunde nicht nach Hause. Dafür erscheint, auf die Vermißtenanzeige hin, die das junge Paar aufgibt, ein sehr wohlwollender Kriminalbeamter, der verkündet, er werde mit Hilfe einer Injektion sofort herausbringen, wo die Tante sei. Der junge Mann vom Film bekommt als erster die Spritze – und gesteht, er habe die Tante ermordet. Ebenso aber auch alle anderen Anwesenden: die Braut, das Dienstmädchen, der Hausmeister und der zur Jause geladene General. Jeder hat, ganz heimlich, die Tante umgebracht, und so bleibt dem zur Lösung des Rätsels herbeigerufenen Kriminalrat nichts übrig, als die angeblichen Täter einander gegenseitig widerlegen zu lassen. Die fünf phantastischen Geständnisse und die große wechselseitige Entlarvung sind mit solcher Präzision abgestuft, daß die für die Burleske so charakteristische Logik des Unsinns lückenlos funktioniert. Auf dem Höhepunkt der Konfusion findet sich (natürlich) die vermißte Tante ein, und die Fabel scheint sich zu schließen. Aber Hühnerfeld hat die schönste Pointe noch in Reserve behalten: Der junge Mann teilt seiner Verlobten mit, er werde nunmehr den ganz seriösen Kriminalfilm mit dem Wahrheitsserum als Entlarvungsmittel drehen – und als das junge Mädchen ihm entgegenhält, er habe doch soeben selbst erlebt, daß es mit dem Serum nicht stimme, erwiderte er: „Kind, Kind – seit wann kommt es beim Film darauf an, daß es stimmt?“

Donnerstag, 11. August, 20 Uhr vom NWDR:

Bei einer Umfrage im vorigen Jahr ergab sich, daß überraschend viele Hörer eine lebhafte Erinnerung an Wolfgang Borchers .1946 urgesendetes, dann sechzehnmal wiederholtes Heimkehrerhörspiel „Draußen vor der Tür“ bewahrt hatten. Die zum Zeitdokument gewordene Dichtung wird nunmehr unverändert in das Hörspielrepertoire 1955 aufgenommen.

20.00 aus München: Helmuth von Cubes Hörspielfassung des Zuckmayerschen „Hauptmann von Köpenick“. – 21.25 vom NWDR: Konzertstücke für zwei Klaviere von Hugo Distler. – 22.20 aus Stuttgart: A-Capella-Chöre von Zoltan Kodály (darunter die „Szekler Klage“). – 22.28 aus Frankfurt: Friedrich Hansen-Löve kommentiert den großen Roman „Prinzessin Casamassima“ von-Henry James. – 23.05 vom RIAS: Der Mainzer Ethnologe Wilhelm E. Mühlmann führt in die Voraussetzungen des „magischen Denkens“ der Naturvölker ein.

Freitag, 12. August, 22.30 Uhr aus Stuttgart:

Als erster deutscher Sender bringt der Süddeutsche Rundfunk einen großen Ausschnitt aus William Faulkners jüngster, von ihm selbst als sein Hauptwerk bezeichneter Dichtung „Eine Legende“ (A Fable) in der Übersetzung von Kurt Heinrich Hansen.

19.15 vom NWDR: Die 25. Folge von Josef Müller-Mareins Sendereihe „Die Lieblingsmusik des Herrn X“ ist ein Selbstgespräch. – 20.00 ans Bremen: Von den Salzburger Festspielen Mozarts „Entführung aus dem Serail“ unter Karl Böhm, mit Erika Köth als Konstanze und Anton Dermota als Belmonte. – 22.00 vom RIAS: Das RIAS-Kammerorchester unter Karl Ristenpart spielt, mit Silvia Kind als Solistin, das Cembalo-Konzert von Paisiello. – 22.10 vom NWDR: Wiederholung des zweiten Teils von Joachim Schickels Nachtprogramm „Die Harmonie der Welt“.