Von Paul Hühnerfeld

Genau 685 Verlage hatten ihre Bücher ausgestellt, als an einem klaren, frischen Oktobermorgen die diesjährige Frankfurter Buchmesse eröffnet wurde. Am nächsten Tag – es war der Sonntag, und nicht endende Besucherscharen drängten sich in den engen Gängen der Messehalle zwischen den 48 000 aufgestellten Büchern –, am nächsten Tag also waren es nur noch 684 Verlage. Denn dort, wo der Stand 548 am Eröffnungstage aufgebaut gewesen war, stand jetzt vor einer leeren Wand eine Bank, auf der sich müde Besucher ausruhen konnten.

Der Stand 548 war der Stand des Plesse-Verlags aus Göttingen, der als hervorstechende Novität seines Herbstprogramms die Notizen und Tagebücher Alfred Rosenbergs mitbrachte. Sonstige Produktion: „Ritterkreuzträger der Waffen-SS“, „Waffen-SS im Einsatz“ ..., sonstige Autoren: SS-General Hausser, Hans Grimm, Maurice Bardeche... Die Messe war noch keine 24 Stunden geöffnet, als die deutschen Buchhändler und Verleger zur Selbsthilfe schritten und das sträfliche Versehen ihres Börsenvereins, der solchen „Kollegen“ zur Messe zuließ und ihn dann ausgerechnet seinen Stand auch noch unmittelbar vor den französischen Verlagen aufbauen ließ, wiedergutmachten. Unmißverständlich forderten sie Herrn Plesse auf, die Messe zu verlassen, und machten ihm klar, daß die Grenze demokratischer Toleranz da endet, wo jemand das „Geistesgut“ der Feinde der Freiheit verbreitet. In zwei Minuten war der ganze Spuk durch eine Hintertür verschwunden.

Was dann blieb, war die Buchproduktion nicht nur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern fast aus der ganzen Welt. Neben französischen, englischen, holländischen, belgischen, spanischen, italienischen, amerikanischen und jugoslawischen Verlagen, die auch auf der Messe des vergangenen Jahres schon zu finden waren, hatten diesmal auch Verleger aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, Irland, Rußland, der Türkei, Indien und Japan ausgestellt. Eine freundliche Dame aus Moskau in Spitzenblüschen und mit frisch onduliertem Haar schilderte jedem Besucher, der es wissen wollte, in einwandfreiem Deutsch, wie gut es die Schriftsteller in der Sowjetunion haben, daß man den Begriff Bestseller dort nicht kenne, weil fast jedes neue schöngeistige Buch mit einer Auflage von 100 000 rechnen könne. Die Einbände ihrer Bücher hatten eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Spitzenblüschen der freundlichen Dame: Jugendstilornamentik aus Großmutters Tagen, darauf gedruckt fremde Namen, die uns nichts sagen, abgesehen von den paar deutschen: Arnold Zweig, Anna Seghers, Bernhard Kellermann ...

Bei den Japanern fiel auf: eine herrliche Reihe „Moderne Architektur“, nach Ländern geordnet (der Band Deutschland sehr sorgfältig und ausführlich), bei den Spaniern ein Prachtband mit Goldschnitt: „Heidi“ von Juana Spyri, bei den Franzosen Kochbücher mit Umschlägen von so prachtvollem Realismus, daß die braungemalten Rehkeulen, der knallrote Paprika und der grüne Salat wie wirkliche Speisen zu duften schienen. Und bei den Indern schließlich stutzte man über merkwürdig kitschige Buchumschläge, auf denen meistens junge indische Damen abgebildet sind, die offensichtlich Marilyn Monroes Brust- und Hüftumfang zum Vorbild haben.

Die Hauptsache aber bleiben natürlich die deutschsprachigen Verlage. Angesichts der 12 000 Neuerscheinungen dieses Jahres wird wieder einmal klar, wie sehr doch die meisten Bücher Handelsware sind und wie wenig Literatur. Und weil das so ist, sei es erlaubt, ein paar Zahlen zu melden, die die Situation der Handelsware „deutsches Buch“ deutlicher machen. In den Jahren 1953/54 wurden genau 1252 Bücher aus fremden Sprachen ins Deutsche übersetzt; die Spitze halten englische Autoren mit 349 Werken. Amerikas Schriftsteller brachten es auf 318 Übersetzungen, 219 französische Bücher wurden ins Deutsche übersetzt. Von den kleineren Ländern liegt Schweden mit 55 Übersetzungen an der Spitze. Umgekehrt wurden im Jahr 1953 nach England und nach Amerika weniger als zehn deutsche Autoren übersetzt, nach Frankreich dagegen immerhin 142. Die Spitze bei den Übersetzungen deutscher Bücher hält Japan mit 276 Titeln vor Spanien mit 263 und Italien mit 157 Büchern. Wir Deutschen dagegen lesen japanische und spanische Bücher kaum, italienische wenig. Im ganzen ist zu sagen: das Interesse am deutschen Buch – vor allem am Fachbuch – ist in den letzten zwei Jahren gewachsen und erreichte auf der diesjährigen Messe einen Höhepunkt. Wer sich über die Masse der deutschen Herbstproduktion beklagt, dem sei gesagt, daß er da in manchen anderen Ländern vom Regen in die Traufe kommen würde. 19 188 Bücher (mit Neuauflagen) kamen im Jahre 1954 in England, 17161 in Japan und „nur“ 16240 in Deutschland heraus. Frankreich freilich brachte nur 12 179, die USA sogar bloß 11 301 neue Bücher. Rechnet man aus, wieviel neue Bücher im Jahre 1954 auf je 100 Einwohner eines Landes kamen, dann allerdings liegt die kleine Schweiz mit 78 vor Norwegen mit 77 und Holland mit 73 Titeln weit vor Deutschland (33) an der Spitze.

Die Verlage aus der sowjetischen Besatzungszone waren in diesem Jahr – wenn auch nicht mit eigenen Ständen, so doch in einer Sammelausstellung – zum erstenmal auf der Frankfurter Messe vertreten. Wer sich die Struktur des sowjetzonalen Buchhandels ansieht, wird verstehen, warum die westdeutschen Verleger sich scheuen, die mitteldeutschen Verlage einzeln ausstellen zu lassen. 1945 gab es in Mitteldeutschland 1350 Verlage – heute sind es noch 152. Davon sind zehn einwandfrei und etwa 40 vielleicht in privatem Besitz. Alle anderen sind „volkseigene Betriebe“, die dabei aber den Namen ihrer alten Firma beibehalten und zum Teil Klage erhoben haben gegen die Besitzer, wenn sie im Westen unter ihrem eigenen Namen den alten Verlag wieder eröffneten.