Vergessenes Burgenland

Urlaub in Rust von Günther Specovius

Von Günther Specovius

Von Parndorf am Leitha-Gebirge fährt eine private Kleinbahn am Neusiedler See entlang nach Ungarn. Sie fährt seit 69 Jahren, und weder die 1921 erfolgte Vereinigung des Burgenlandes mit Österreich noch der letzte Krieg, nach dem das Land von den Russen besetzt wurde, haben daran etwas geändert. Die Konzession läuft erst 1995 ab, und solange wird das Züglein wohl auch allen Vorhängen, eisernen, seidenen oder wie sie immer heißen mögen, zum Trotz viermal am Tag seine Strecke fahren.

In Neusiedl stieg ich ein. Im Kupee das stark gemischte Publikum der Provinz. Da saß eine in schwarzes Tuch geschlagene Bauernfrau, das Kindchen auf dem Schoß, da saß der österreichische Gendarm, betreßt und epaulettiert, anzuschauen wie ein General. Die Landschaft draußen war flach wie eine Tafel. Und dann hielten wir in St. Andrae. – Von St. Andrae hatte ich mein Ziel, das zehn Kilometer entfernte Apetlon, ständig vor Augen. Aber mein Blick umfaßte auch sogleich die knorrigen Schwengel der Ziehbrunnen und die Hunderte von braunscheckigen Rindern. Pußtaromantik, und ständig zog von den vielen kristallklaren Salzseen ein kühler Luftzug her. Nichts als Federgräser, Salzastern und jagende Wolkenschatten auf dem kümmerlichen Boden, doch darüber kreischendes, heftiges Leben: Seevögel aller Art und aller Größe. – Am Neusiedler See, der sich nicht weit von Apetlon in Nord – Süd – Richtung ausbreitet, gibt es eine biologische Seestation. Sie steht jedem Wissenschaftler offen, der über Europas einzigem Steppensee mit seiner einmaligen Zusammensetzung von Flora und Fauna arbeiten will. Silberreiher, Ibisse, Trappen, Tamariskensänger, Groß- und Kleingetier aus zwei Erdteilen hausen in den wogenden Schilfwäldern, die fast ein Fünftel des seichten, nur zwei Meter tiefen Sees bedecken und in dem sich immer wieder Zillenfahrer tagelang verirren. Hier träumte sich Lenau in die Schwermut seiner „Schilflieder“. Am linken Ufer wohnte einst Haydn im Schloß des Fürsten Esterhazy. Und die Rüster machen keinen Hehl aus ihrem Stolz, daß sich aus ihrer Stadt der berühmte Mann ein Mädchen zur Geliebten erkor. Ja, sie behaupten auch, daß in den Melodien Haydns die Kraft des Rüster Weines lebt, der „Ausbruch“ und der „Blaufränkisch“. Seit dreihundert Jahren ist Rust eine Freistadt, und seit ebensoviel Jahren hat es die gleiche Einwohnerzahl. Ein verwunschenes Städtchen, liegt es am Fuße des Rosalien-Gebirges und lebt von einem Wein, dessen natürlicher Zuckergehalt 32 v. H. beträgt. In jedem Keller machtvolle Fässer, auf jedem Rauchfang klappernde Störche und in den blendend weißen Innenhöfen die herrlichste Synthese deutscher und italienischer Bauernkultur. 1550 kamen Italiener ins Leitha-Gebirge. In St. Margarethen brachen sie den Kalkstein für Wiens Kirchen und Paläste. In den Dörfern und Städten aber fügten sie völlig organisch das heitere Element ihres Landes mit Säulen und Schwippbögen in die Hausformen des alten Grenzvolks.

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Wesentlich stärker als der romanische ist jedoch der östliche Einfluß. Auf Schritt und Tritt macht sich die Nähe Ungarns und Jugoslawiens bemerkbar. An einem schwülen Abend stieß ich auf „Wenzel-Batschi“. Sein ungarischer Beiname bedeutet „Onkel“ und ist so etwas wie ein Ehrentitel. Wenzel-Batschi ist in Rust ein Original; doch das ist beileibe nicht im abfälligen Sinne gemeint. In einem kleinen Lokal am Röhricht spielte er auf der Tarogatto, einer Art ungarischer Klarinette, die sich der Czikos früher unter Verwendung von Rinderhorn selbst herstellte. Während wir ihm zuhörten, sahen wir über dem See huschende Lichtbündel, die einen makabren Gegensatz zu den merkwürdig verlorenen Tönen des Instruments zu bilden schienen. Ungarische Patrouillenboote fuhren Streife.

Durch die von Österreich nicht anerkannte Volksabstimmung von 1921 fiel Ödenburg, das heutige Sopron, an die Magyaren. Wenn seither ein Rüster mit der Bahn nach Oberpullendorf im Südburgenland fahren will, dann wird der Zug bei der Fahrt durch den Korridor plombiert. Es ist bittere Ironie, daß dies das Burgenland, das 1918 auf den Rat eines Lehrers seinen Namen nach den Endungen der ungarischen Komitate Eisenburg, Ödenburg, Wieselburg und Preßburg (jetzt tschechoslowakisch), erhielt, heute keine dieser Städte mehr besitzt.

Dafür besteht die burgenländische Bevölkerung nur zu sechs vom Hundert aus Magyaren und zu 14 vom Hundert aus Kroaten. Zu einer fast rein kroatischen Siedlung, von denen es 44 im Land gibt, fuhr mich Wenzel-Batschi in seinem tschechischen Kübelwagen, nachdem wir am Morgen gemeinsam die Reben gespritzt hatten. Es . war Trauersdorf, eine schmucke Siedlung, wenn auch nicht so wohlhabend wie Rust. „Wasserkroaten“ nennen die Burgenländer die größte Minderheitengruppe, wahrscheinlich weil diese Kroaten vor vierhundert Jahren auf der Flucht vor den Türken aus Dalmatien und der Küste um Fiume kamen. Die im Burgenland lebenden Ungarn dagegen sind Nachkommen der Grenzwächter, die nach der Schlacht am Lechfeld, als Otto I. die bis 907 bestandene karolingische Ostmark wiederaufrichtete, zur Sicherung des ungarischen „Westwalls“ angesiedelt wurden. Von dieser Zeit an begann ein hartes, wechselvolles Ringen um die Grenzziehung. Ende des 15. Jahrhunderts kam der größte Teil des Landes in die Hände Österreichs, bis er schließlich in den Wirren des Dreißigjährgen Krieges von Ungarn zurückverlangt wurde und dort bis 1919 verblieb. Die Minderheiten der Kroaten und Ungarn, die ja gewissermaßen Schicksalsgenossen der Burgenländer wurden, werden absolut toleriert.

Trauersdorfs Lehrer und seiner Frau, eine Ungarin, wollten wir unsere Aufwartung machen. Da die Schöne aber in Eisenstadt beim Friseur saß, brausten wir zu dritt in die Landeshauptstadt, um sie abzuholen. In Eisenstadt traf Wenzel einen Bekannten, der im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs für ein paar Tage nach Budapest darf, während der jetzige Esterhazy, der seiner zahlreichen Güter wegen vor längerer Zeit nach Ungarn fuhr, drüben noch immer festgehalten wird. Wir stürmten – mein Bus fuhr in wenigen Minuten – in den Frisiersalon, und ich überreichte der verdutzten Frau Junischka einen prachtvollen Rosenstrauß und schnurrte das Sprüchlein, das mir der Batschi eingehämmert hatte: „Weil sich in Ihnen Ungarn- und Kroatentum so vollkommen vereinen“ ...

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  • Quelle DIE ZEIT, 3.11.1955 Nr. 44
  • Schlagworte Ungarn | Österreich | Jugoslawien | Budapest
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