Im Fernsehschirm steckt eine fast magische Kraft: er verwandelt alles, was sich auf ihm zeigt, in ein reales Jetzt und Hier. Auch dem erfahrenen Theater- und Filmbesucher, ja selbst dem wachsamen Gefühl des Kritikers will es vor dem Fernsehgerät nicht gelingen, jene Unterscheidung zwischen tatsächlichen und gespielten Vorgängen einzuhalten, ohne die das Drama bisher nicht denkbar war. Es ergibt sich gleichsam eine eigene Dimension ferngesehener Wirklichkeit, die zugleich die von der „Tagesschau“ aufgenommenen Fakten und die erdachten Hergänge eines Fernsehspiels umfaßt. Jene Heimkehrer in Friedland, die die Kamera (vor drei Wochen) zeigte, wie sie der Ansprache des Bundespräsidenten zuhörten, begegnen dem Fernsehzuschauer ganz unmittelbar in ihrer wirklichen Existenz. Das ist selbstverständlich. Aber auch die Figuren des ostsibirischen Straflagers aus Robert Neumanns Roman „Die Puppen von Poshansk“ (nach dem Karl Peter Biltz im Südwestfunkstudio ein Fernsehspiel inszenierte) müssen die gleiche Unmittelbarkeit haben, ja, müssen für wirkliche Menschen gehalten werden, wenn der Sinn des Spieles erfüllt sein soll; denn dessen Thema – Aufstand der Lagerinsassen im Zeichen der Koexistenz ist so brennend aktuell, daß es keine Irrealität zuläßt. Wohl nicht zufällig erreichten die nächste Nähe zwei junge Darsteller: Der Moskauer Außenhandelsfunktionär (Horst Frank), mit kurz geschnittenem Haar, schmalen Lippen und bohrenden Augen, ganz auf Generallinie und Karriere bedacht, und doch innerlich unsicher – und seine Geliebte, die Dolmetscherin und Pilotin (Ellen Knuer), verhärtet und von mechanisierter Systemtreue, aber wie vom Blitz getroffen, als sie gewahr wird, daß das System von ihr das Opfer ihrer weiblichen Scham verlangt. Der Bearbeiter und Regisseur Biltz hatte erkannt, daß die scharfe Ausprägung der Charaktere in diesem Fall wichtiger war als die Schilderung der stürmischen und tragikomischen Hergänge selbst. Er reduzierte das buntbewegte Panorama auf ein Kammerspiel. Ein Verfahren, durch das viel von den grauenhaften Hintergründen verdeckt blieb, aber eine Intensität des Grundkonflikts – wie weit läßt sich der Mensch mechanisieren? – gewonnen wurde, die in Neumanns Roman ihrerseits durch eine Überfülle grotesker Details zugedeckt ist.

Donnerstag, 10. November, .20.30 Uhr vom NWDR Köln:

Der italienische Hörspielautor Alberto Perrini läßt eine schottische Fischerinsel und ihren schläfrigen Pfarrer (Albert Florath) durch die Ankunft eines angeblichen Hilfsgeistlichen (Hans Quest) in schwere Gewissensunruhe kommen, die sich erst legt, als der echte Hilfsgeistliche eintrifft und der Bekehrungsaktion des „Renegaten“ ein Ende macht.

22.10 vom NWDR Köln: Im Nachtprogramm (das wegen des 11.11. um einen Tag Vorgerückt ist) legt der Berliner Philosoph Wilhelm Weischedel Person und Denken Sören Kierkegaards aus (.Spion im Dienste des Höchsten“). – 23.00 aus Frankfurt: In der UNESCO-Konzertreihe „Tribune Internationale des Compositeurs“ die Cellosonate von Tibor Harsanyi, „Les Chants du soir“ von I. Fr. Perrenoud und das Streichquartett von Jacques Dumor.

Freitag, 11. November, 19 Uhr vom österreichischen Rundfunk, vom NWDR Köln und aus Frankfurt, 2. Programm:

In der „Aida“-Premiere der wiederaufgebauten Wiener Staatsoper unter Rafael Kubelik singen Leonie Rysanek die Titelrolle, Hans Hopf den jungen ägyptischen Feldherrn Radames und Jean Madeira die Königstochter Amneris.

20.00 aus München: Im Herkulessaal der Residenz leitet Eugen Jochum ein Konzert mit Werken von Paul Hindemith (Symphonie „Mathis der Maler“), Bach („Kreuzstab-Kantate“ mit Dietrich Fischer-Dieskau) und Beethoven (4. Symphonie). – 21.00 aus Bremen: Professor Hermann Glockner spricht zum 100. Todestag Kierkegaards „Im Banne des Unbedingten“). – 22.30 vom SWF: Günther Sawatzki stellt auf Grund des Kopenhagener Kierkegaard-Kongresses dar, wie sich die biographischen Probleme der Schwermut Kierkegaards und seines Gnadenbewußtseins aufhellen lassen.