Von E. A. Greeven

Das alte Ägypten war schon für den wißbegierigen Herodot ein Gegenstand höchsten Interesses und hat es seitdem zu einer Popularität gebracht, deren sich keines seiner Nachbarreiche, weder Babylon noch Assur, rühmen kann. Der Napoleonische Feldzug gab den Anstoß und gebar die Ägyptiologie. Später vertauschten Gelehrte die Sphinx gegen den Pegasus: aus Papyrusrollen erwuchsen ägyptische Königstöchter und Nilbräute. Gleichzeitig schuf die Makartzeit Kolossalgemälde mit Pharaonen auf Streitwagen und viel Volk. Der heilige Scarabäus, fabrikmäßig gefälscht, wurde das beliebteste Souvenir an Kairo, und das Köpfchen der Nofretete machte der Inconnue de la Seine schwere Konkurrenz. Unterdessen grub sich die Wissenschaft still und unverdrossen ein paar Jahrtausende tiefer ins ägyptische Neolithikum hinein.

Auch die sumerische Kultur in Südmesopotamien zwischen Euphrat und Tigris ist, zumal durch die populären Bücher von Woolley, weiteren Kreisen ein beinahe vertrauter Begriff geworden. Die Straßen der alten Stadt Ur sind heute freigelegt, durch die schon der sehr wohlhabende Erzvater Abraham wandelte, bevor er mit seiner Familie, seinen Herden, Knechten und Mägden auszog nach Kanaan. Dort schlug er dicht bei Hebron seine Zelte auf „unter den Kindern Heths“ und kaufte von ihnen für 400 Silberschekel eine Grabstätte. Die Kinder Heths aber nennen wir Hethiter. Wer waren sie, woher kamen sie und warum machte es dem Erzvater Isaak „eitel Herzeleid“, als sein Sohn Esau zwei Hethitermädchen in sein Zelt führte und beide heiratete? Die Zweizahl dürfte Isaak weniger betrübt haben; er nahm Anstoß an dem Familienzuwachs, weil er alle Hethiter als Menschen fremden Blutes und fremden Glaubens zutiefst beargwöhnte. Denn die Hethiter waren Indogermanen, ein Jägervolk mit soldatischen Qualitäten und künstlerisch etwas imitativer Empfänglichkeit, das gegen Ende des vierten Jahrtausends vor Christus – wahrscheinlich vom südlichen Kaukasus her – in Kleinasien einbrach, sich weithin verbreitete und im anatolischen Hochland eine Reihe von Stadtstaaten mit Kleinkönigen gründete, die um 1900 vor Christus zum hethitischen Großreich vereinigt wurden.

Seit rund fünfzig Jahren beschäftigt sich die archäologische Wissenschaft in steigendem Maße mit den Hethitern. Ausgrabungen ihrer Paläste und Tempel gehen Hand in Hand mit der Entzifferung ihrer Hieroglyphenschrift, die nicht nur das älteste, sondern auch das einzige, selbständige Schriftsystem der Indogermanen ist, welches nicht auf semitischer Grundlage beruht. Den ersten Versuchen, ein allgemeineres Interesse für hethitische Kultur und Kunst in Deutschland zu wecken, war leider wenig

Glück beschieden. Das ist bis zu einem gewissen Grade heute anders geworden. In der Reihe „Große Kulturen der Frühzeit“, die Prof. Dr. Helmuth Th. Bossert herausgibt, kann daher der Band

„Die Welt der Hethiter“ von Margarete Riemschneider, mit einem Vorwort von Prof. Eossert (Gustav Kilpper Verlag, Stuttgart, 1954, 260 S., 108 Tafeln, 22,50 DM)

auf einen größeren Leserkreis rechnen. Die Verfasserin vermeidet bewußt den Ton trockener Gelehrsamkeit, umsteuert geschickt und mit leichter Hand die Klippen der hethitischen Problematik und läßt die Summe eigener Mühen und Forschungen lieber erraten, als sie dem Leser aufgedrängt wird. Da die Autorin im besonderen auf dem Gebiet der nethitischen Texte – der kursiven Hieroglyphenschrift seit der Mitte des 3. Jahrtausends wie der jüngeren Keilschrift, mit der eine Art von Kanzleisprache verbunden war – gearbeitet hat, bringt ihr Buch auch zum ersten Male für den Nichtfachmann zahlreiche Auszüge aus den Staatsakten, Gesetzen und Verträgen. Es sind durchweg charakteristische Beispiele für eine humanere Denkart und Rechtsauffassung der indogermanischen Hethiter, als ihre Nachbarvölker sie besaßen. Ihre Legenden und Schränke zeigen Heiterkeit und einen gewissen Humoi, der bei den semitischen Texten fast gänzlich fehlt. In diesen literarischen Proben und in dem vorzüglichen Bilderteil liegt das Hauptverdienst des schön ausgestatteten Werkes. In den noch nicht restlos geklärten Fragen schließt sich die Verfasserin zumeist den wohlfundierten Urteilen Bosserts an.