Mein Freund Adenauer

Von Robert Pferdmenges

Es ist dieselbe Stadt, die uns geprägt hat: Köln, Hier spricht man leichthin aus, was man denkt, womöglich mit einfachen Worten, am liebsten mit einem Scherz, mag die Pointe auch oft für einen Witz nicht ausreichen. Hier traf ich Adenauer in einer finsteren Zeit: 1920. Ich war aus England gekommen; er war Kölns Oberbürgermeister. Man sagt, ich sei seit dieser Zeit Adenauers Ratgeber. Aber das trifft nicht zu; ich war es weder damals noch heute. Wir tauschten Erfahrungen aus; Ideen, wenn man so will. Weil ich zwanzig Jahre in der angelsächsischen Welt gelebt hatte, kannte ich die Engländer gut; er war stets mehr – ich möchte sagen: vom Herzen aus – an den Franzosen interessiert, unseren Nachbarn, zu denen es in Köln seit eh und je viele Kontakte gegeben hat.

Wir setzten unsere Meinungen gegeneinander Adenauer und ich; oft kritische Meinungen, dem auch damals schon ertrug er, der in Köln doch schon ein mächtiger Regent war, ein gehöriges Maß von Kritik; ja, nichts ließ ihn so schnell und lebhaft aufhorchen wie Kritik; und das ist so geblieben bei diesem Manne, der sich in den 36 Jahren, da wir uns kennen, wenig geändert hat. Seit dem Beginn unserer Freundschaft im gemeinsamen Köln pflegten wir unsere Gegensätze; ich, der Protestant, der aus einer liberalen Welt kam; er, der Katholik und Angehörige einer starken Tradition.

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Ich sah einen Mann, der – tief wurzelnd in seiner Tradition – sehr frei und eigenwillig über den Dingen stand. Er hat es darum im Ansehen der Menschen nie leicht gehabt. Manchen Katholiken, zumal manchen Klerikern erschien er nicht katholisch genug, er, der doch nie die Sonntagsmesse versäumt hat. Viele alte Liberale, für die er. der Parteichef der CDU, eine – oft unerwiderte – Sympathie hat, mißtrauten ihm, weil er Katholik ist (dies Mißtrauen gehört zu ihrer Tradition); er wiederum hegte seine Vorurteile gegen die Preußen (dies waren die alten Vorurteile, die den Rheinländern angeboren sind, und erst, als er mehr und mehr zu spüren kriegte, daß Regieren nicht so leicht ist, begann die Gestalt Bismarcks ihm zu imponieren, wobei es – glaube ich – nicht zuletzt die Tatsache und die Form des Bismarckschen Humors war, die ihm gefiel). Die am meisten Anstoß an ihm nahmen und noch nehmen, sind diejenigen, die autoritären Ideen anhängen: sie sehen in ihm, der allerdings ein Herr ist und freilich weiß, sich durchzusetzen, einen „Führer“, den sie bloß deshalb so tüchtig hassen, weil er nicht von ihrer Farbe ist. Aber Adenauer ist nichts weniger als ein „Führer“. Wenn er auch Momente hat, in denen er ein Menschenverächter ist, laßt sich keine Spur von Eigensinn in ihm finden. Sein Gewissen ist und war immer intakt. Und wenn man von „einsamen Kanzler-Entschlüssen“ spricht, sollte man wissen, daß kein Wort blödsinniger ist als dieses Wort.

Wenn Gemeinsames vorhanden ist, so fördern Gegensätze die Freundschaft: Adenauer und ich haben uns in fröhlicher, aber auch in ernster Weise aneinander gerieben. Er sei oft viel zu mißtrauisch, warf ich ihm vor; er war oft ärgerlich über meine „Vertrauensseligkeit“. Was ihn bei unseren Auseinandersetzungen stets beruhigt hat, war die Gewißheit, daß ich nichts von ihm wollte, nicht einmal einen Orden. Ja, und schließlich habe ich dann doch einen Orden gekriegt.

Was ich an Adenauer staunend schon vor 36 Jahren wahrnahm und was sich seither stets bestätigt hat, ist dies: Er, der sozusagen von Natur aus auf Abstand hält, ist in Wirklichkeit sehr fürsorglich und tief bescheiden. Einmal findet er, daß eine seiner drei Sekretärinnen (die natürlich eine große Schwäche für ihn haben) ein Hüsteln nicht los wird, und meint, das läge an den feinen, dünnen Schuhen, die heutzutage von den Damen getragen werden; schon geht er und kauft derbere Schuhe für die hüstelnde Dame. Und was die Bescheidenheit betrifft: Da machte ihm jemand das Kompliment, daß er ein wahrer Staatsmann sei, worauf er nachdenklich erwidert: „Was heißt Staatsmann? Das scheint wohl so, weil augenblicklich in der Welt nicht gerade ein Überangebot an Staatsmännern herrscht.“

Ohne Zweifel ist Adenauer ein großer Mann. Aber menschliche Größe hat viele Komponenten; analysiert man sie, so passiert es leicht, daß man lauter Kleinigkeiten in den Händen hält. Von den Fähigkeiten des Mutes, der Intelligenz und der Zähigkeit ist ihm viel, sehr viel zuteil geworden. Er hat den Mut eines Löwen, und es war noch stets eine erbärmliche Unwahrheit, wenn man ihn – gerade ihn – verdächtigte, er sei jemals irgendeinem Mächtigen gegenüber, gleichgültig aus welchem Anlaß und wo in aller Welt, zaghaft und nachgiebig geworden, oder seine Courage habe versagt – am Ende gar, weil er auf sein persönliches Wohl bedacht gewesen sei. Aber vielleicht liegt eine gehörige Portion seiner Größe – und seines Erfolges – auch darin, daß er neben dem Mut des Löwen auch oft die Schlauheit eines Fuchses bewies. Nun, mittlerweile ist er der alte Kapitän geworden, der weiß, daß eines wichtig ist, das Wichtigste von allem: Kurs zu halten. Und das Leben wäre ihm – und uns allen – leichter, wenn man wüßte, wer nach ihm das Steuer halten kann.

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