Wird der Graben zugeschüttet?

R. S., Bonn, 31. Januar

Die Winterstürme, die im Dezember die Koalition zu sprengen drohten, wichen zwar noch nicht dem Wonnemond, aber ein erstes merkliches Frühlingsversöhnungssäuseln ist feststellbar. Nach dem langen Gespräch, das die vier FDP-Vertreter Middelhauve, Haussmann, Mende und Becker am Montag mit dem Kanzler geführt haben, steht fest, daß sich der Wind gedreht hat. „Atmosphäre gut, Mißverständnisse ausgeräumt“, wenigstens zum großen Teil, eine versöhnende Geste des Kanzlers gegenüber Becker, freundliche Worte des Bundeskanzlers für den allerdings abwesenden Dr. Dehler (der wohl erst eine Änderung der Atmosphäre abwarten wollte, obwohl ihm seine Freunde dringend geraten hatten, an dem Gespräch mit Adenauer teilzunehmen) – so etwa spiegelt sich der Eindruck des Berichtes, den die Herren der FDP von ihren Eindrücken im Palais Schaumburg gaben.

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Am Dienstag gab es Gespräche mit den CDU-Abgeordneten Dr. Krone und Stücklen. Zuerst beim Kanzler, dann mit Mende und Becker. Es kam, wie die nüchternen Beobachter vorausgesagt hatten: es bleibt bei einem Proporzwahlrecht, ungefähr nach dem Schema von 1953. Die Koalition wird also aufrechterhalten und die Existenz der FDP ist gesichert. Bleibt nur die Frage nach dem Preis. Die Rechnung wird wohl bei den Wehrgesetzen präsenteirt werden! Der Realist Adenauer hat sich für das sogenannte Grabensystem, das die Wahlreformer seiner Partei ersonnen hatten, nie begeistert – was ihn natürlich nicht hinderte, diese Idee im taktischen Grabenkrieg zu nutzen.

 
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