Der Kritik ins Stammbuch
Anläßlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden hat der junge Theater- und Hörspielautor Leopold Ahlsen (ihm war der diesjährige Preis für sein Stück „Philemon und Baucis“ zugesprochen worden – siehe DIE ZEIT Nr. 10) eine Ansprache gehalten. In ihrer höflichen Ironie scheinen uns einige Absätze dieser Ausführungen Ahlsens – den nicht nur DIE ZEIT für einen der begabtesten jungen Dramatiker hält – über unser gegenwärtiges Theaterleben so hübsch, daß wir sie unseren Lesern nicht vorenthalten mögen:
Ich werde mich hüten, hier etwa einen Strauß mit der Zunft der Kritiker vom Zaun zu brechen, um so weniger, als ich eigentlich ja wenig Grund habe, mich bei ihr zu beklagen. Ich werde deshalb dieses heiße Thema sehr rasch wieder verlassen; nur, da ich schon lange auf die Gelegenheit lauere, eine kleine Bosheit abzuschießen, kann ich mir doch einen einzigen kleinen, winzigen Satz nicht verkneifen: einige Rezensenten pflegen unserer Generation im Tone des tiefsten Gekränktseins vorzuwerfen, daß sich unter uns kein Goethe verberge. Und ich fürchte, man wird diesen Vorwurf als der Wahrheit entsprechend hinzunehmen haben. Aber es sei dann, um der Wahrheit die ganze Ehre zu geben, vermerkt, daß es auch uns nicht gelingen will, unter unseren Rezensenten einen Lessing... zu entdecken.
Doch genug... wes das Herz voll ist... Und da ich nun schon einmal so herzhaft im Abschweifen bin, so erlauben Sie mir, das Hörspiel noch eine weitere Weile im Hintergrund zu lassen und dafür ein wenig ums Theater zu handeln, weil es mir am Herzen liegt. Es ist von Lope de Vega überliefert, daß er in seinem Leben runde 1500 Theaterstücke verfaßt hat. Und ich stelle mir schon im Hinblick auf die Tantiemen solche Fruchtbarkeit himmlisch vor. Möglich aber war sie nur, weil für Lope das Theaterstück stilistisch kein Problem war.
Heute ist der Stil ein Problem von allererstem Rang. Seit das Theater versuchte, eine radikal neue Form zu finden – und der Umbruch ist ja weit tiefgreifender und von ganz anderer wurzelhafter Art als die Stilwandlungen früherer Epochen – seitdem ist es nur immer formloser geworden. Heute, nach gut fünfzig Jahren aber – Sadismus in alle Richtungen –, gibt es sämtliche denkbaren Stile und auch deren Kombinationen zur gleichen Zeit. Und somit ist heute der einzig verbindliche Stil der, gar keinen haben. Aber es ist gewiß überflüssig, daß ich mich darüber hier verbreite, es handelt sich ja um einen bekannten Sachverhalt...
Selbstredend verfügt die Bühne heute über eine Mannigfaltigkeit der Formen und einen Reichtum an Möglichkeiten. Also man kann, wie ich fürchte, auch der Mannigfaltigkeit überdrüssig werden und mit flüchtigen Tagesreizen bis zum Gähnen überfüttert sein. Der Avantgardismus war elektrisierend, solange er originell und neu war und uns nicht erschreckte. Inzwischen aber sind wir reichlich abgebrüht. Ich wage nicht, mir auszumalen, welche saloppen Scherze man sich in zehn oder zwanzig Jahren wird ausdenken müssen, um das Publikum noch immer ein wenig zu frappieren. Man darf in dieser Hinsicht so ziemlich auf alles gefaßt sein, existiert doch seit einiger Zeit ein Theaterstück des verehrten Meisters Picasso, in dem neben anderen neckischen Kleinigkeiten nicht nur der Auftritt einer Dirne in ihrem wirklichen Urzustand vorgeschrieben ist, sondern besagter Dame auch noch die Auflage gemacht wird, daß von ihr auf offener Bühne ein Nachtgeschirr zu bedienen sei.
Und doch, da der Schatz unserer Klassik begrenzt ist und deshalb der Abnutzung unterliegt und da er außerdem etwas Festes und Unveränderliches ist, kann das Theater letztlich doch nur von seiner anderen Seite her, von der lebendigen zeitgenössischen Dramatik her zu einer Blüte gebracht werden.
Und bei diesem Punkt nun, an dem nach der neuen Dramatik gefragt ist, eröffnet sich unversehens eine andere, so bedeutende wie leider auch bedrückende Frage: Wie denn, wenn das Drama von heute, das, wie Herr Friedrich Luft aus Berlin mir ins Stammbuch geschrieben hat, seinen Stil endlich finden muß, und daß diesen seinen Stil ja seit einem halben Jahrhundert in sämtlichen überhaupt nur vorstellbaren Richtungen sucht, wie denn, wenn dieses Drama von heute seinen Stil dort überall nicht nur wegen dummer Zu- und Unglücksfälle verfehlt hat, sondern das schlicht deshalb, weil es diesen Stil überhaupt nicht finden kann? Wie, wenn da ein prinzipielles Hindernis vorläge, wenn das Theater wegen seiner ästhetischen, psychologischen oder gesellschaftlichen Voraussetzungen, wenn das Theater als solches, als Institution und nach seinem innersten Wesen altmodisch und gemäß unseres heutigen Ausdrucksbedürfnisses nicht reformierbar wäre? Dann müßten freilich alle Versuche, auch das Drama wirklich in jene große Aufbruchsrevolution einzubeziehen, die in der Malerei, der Musik, der Lyrik vor sich gegangen ist – um nur Beispiele anzuführen – letztlich dem Unternehmen gleichen, das Perpetuum mobile zu erfinden.
... Ich hoffe, Sie nicht erschreckt zu haben! Natürlich ist das alles ein Traum! Der Alptraum eines verschreckten Bühnenschriftstellers – in sehr groben, kraß vereinfachenden Linien gemalt –, ein Alptraum in Fragen gekleidet, für die ich keine Antwort weiß und, so sehr ich mich auch bemüht habe, von niemandem eine brauchbare Antwort erhielt... Leopold Ahlsen



