Sie haben Dich ja lange nicht für vollgenommen, ein Söhnchen in Dir gesehen und einen Windbeutel, ich konnte es nicht ändern. Aber es ist nun wohl nicht mehr zu bestreiten, daß Du mehr kannst als die meisten.“ Der Brief Thomas Manns, in dem er seinem Sohn Klaus am 22. Juli 1939 den Eindruck bei der Lektüre von dessen „Roman unter Emigranten“ beschrieb, ist der ersten innerdeutschen Ausgabe (nach siebzehn Jahren!) dieses Buches vorangesetzt.

Klaus Mann: „Der Vulkan. Roman unter Emigranten.“ Mit einer Einführung von Thomas Mann. G. B. Fischer, 424 S., 10,80 DM.

Damals hatte Erich Maria Remarque seinen „Are de Triomphe“ noch nicht geschrieben. Aber darum hätte wohl Thomas Mann sein Urteil nicht zu andern brauchen. Denn wieviel stärker facettiert und wieviel mehr von innen her beleuchtet „Der Vulkan“ die erbarmungslos Entscheidung fordernde Grenzsituation des Emigranten als jenes andere Buch! Es ist nicht nur ein Unterschied der Sensibilität und der Wahrhaftigkeit, sondern vor allem auch einer der Naturen. Klaus Mann (um nur von ihm zu sprechen) hat zu den nicht sehr zahlreichen Menschen gehört, die durch die Emigration nicht brüsk in eine ihnen unerwartete und sie verwandelnde Lebensform gezwungen worden sind. Er war von je – anders als sein Vater – von Unrast erfüllt, aber nicht von der Unrast des Abenteurers, sondern als ein „komme révolté“, eben kein „Söhnchen“, sondern ein Heimatloser, ungläubig gegen alle Normen, die bürgerlichen wie die revolutionären, „unbehaust“ trotz aller Lust an der Geselligkeit.

Darum hat er sich den Emigranten nicht eigentlich zugezählt – wie ja auch der Untertitel „Roman unter Emigranten“ eine deutliche Distanz zwischen Autor und Romanfiguren setzt. Der Abscheu vor der Hitlerschen Barberei als einer extrem krassen Form des kollektiven Zwanges benahm ihm nicht die epische Objektivität gegenüber den Gestalten seiner so lebhaften und fabulierlustigen Einbildungskraft. Gewiß entdeckt der Leser alsbald gewisse Bezüge mancher Gestalten zu dem Autor selbst und den ihm Nahestehenden: jener emigrierte Schriftsteller Martin Korella etwa, dessen Protest gegen die Normwelt sich zu hemmungsloser Homosexualität und Rauschgiftsucht steigert, mag in seinen späteren Zerfallstadien so etwas wie das Zu-Ende-Dichten einer in Klaus Mann selbst angelegten Gefahrenquelle bedeuten, und in der Rezitatorin Marion von Kammer, die sich mit zäher Energie ein Forum literarischer Aufklärung und Gegenpropaganda verschafft, sind unschwer manche Züge Erika Manns wiederzuerkennen. Aber dies Modellhafte bedeutet hier doch nicht mehr als etwa in „Buddenbrooks“ oder im „Zauberberg“. Der „Vulkan“ ist kein Schlüsselroman und noch weniger eine Reportage, sondern der Versuch, die seelische Verfassung der wider Willen Entwurzelten in einer Fülle von Einzelschicksalen nach ihren verschiedensten Möglichkeiten für alle diejenigen aufzuhellen, die die Emigration nicht an sich selbst erfahren haben. Dazu gehört sinngemäß auch das Versagen (wie bei Martin Korella oder bei Marions Schwester Tilly, die in der Verwirrung der Gefühle ihre gutbürgerliche Erziehung nicht abtöten kann und eben dadurch zugrunde geht). Es gehört dazu der nihilistische Heroismus der Verzweiflung allergisch einer arrivierten und gegen Störungen allergisch reagierenden „westlichen Gesellschaft“, die die Emigranten immer wieder spüren läßt, daß sie Fremdkörper sind. Es gehören aber auch dazu die wenngleich sehr seltenen Fälle des „Überstehens“, des Behauptens der inneren reichsten – wie bei der edelsten und menschlich reichsten Gestalt des Romans, dem Literarhistoriker Benjamin seiner der nach der schmählichen Entlassung aus seiner Bonner Professur zunächst in Amsterdam noch weit ärgere Demütigungen erfahren muß, sich jedoch nicht an die Depressionen verliert, sondern in einem amerikanischen College wieder aus dem unvermindert Vollen seiner Natur schöpfen kann.

Klaus Manns Roman – „Dein Bestes“ nannte es der Vater – ist ein Dokument der Jahre von 1933 bis zum Krieg und ein Dokument für die Persönlichkeit seines Autors, der nicht anders konnte, als auf seine Art dieser Zeit an den Nerv zu gehen. Als literarisches Werk im strengsten Sinne wird man es nicht werten wollen, dafür ist es, trotz genauestens abgewogener Komposition im ganzen, mit zu viel improvisatorischer Verve hingeschrieben. Aber ist nicht eben diese Verve eine Qualität, die den meisten deutschen Romanen der letzten Jahre abhanden gekommen ist? Ein eminent kluger Mensch, der dennoch nicht klügelt, ein weites Herz, das sich keine Sentimentalität gestattet – sind das nicht Werte, die unter Umständen auch durch eine ein wenig undisziplinierte Sprache hin durchschlagen und den Leser über sich selbst hinausheben können? Christian E. Lewalter