Was kommt nach Adenauer?
Von Michael Freund
Die Frage – meist mit sorgenumwölkter Stirn gestellt – geht um: Was und wer kommt nach Adenauer? Die Optimisten fragen: „Wer?“, die Pessimisten: „Was?“
Es ist zum Glück keine aktuelle Frage. Aber man sollte darüber nachdenken, solange eine akute Gefahr nicht besteht und die Frage nicht als Taktlosigkeit erscheint. Man erinnert sich an die Worte von Lord Bolingbroke gegen Ende der Regierungszeit der Königin Anna: „jedesmal, wenn die Königin Anna unpäßlich ist, gerät das Königreich in Aufregung, und jedesmal, wenn es ihr besser geht, benehmen wir uns, als hätte sie das ewige Leben.“
Nächstes Jahr wird in der Bundesrepublik gewählt. Allen Kaffeesatz und alle Rechenmaschinen beiseite: es könnten einige Stimmen für Adenauer fehlen. Wer und was kommt danach?
Den deutschen und internationalen Horizont dieses Problem offenbarte eine Diskussion, die vor einigen Tagen im Amerikaverein in Hamburg über das bewußt provozierend formulierte Thema stattfand: Vertrauen die Amerikaner dem Bundeskanzler oder den Westdeutschen? Die Gesprächspartner waren Mr. Melvin Lasky vom „Monat“ und Mr. Hottelet von der amerikanischen Rundfunkgesellschaft CBS, Fritz Alleman, Korrespondent der Schweizer „Tat“ in Bonn als Gesprächsleiter, Konrad Ahlers von der „Welt“ und der Autor dieses Artikels. Bei dieser Diskussion nun zeigte sich, daß die Neigung bei den Amerikanern – extra et intra muros – keineswegs gering ist, den Abgang Adenauers als eine erhebliche Minderung des politischen Kredits der Bundesrepublik anzusehen. Das ist eine Tatsache, mit der die deutsche Politik rechnen muß; es ist der Welthorizont, der sich über die Frage wölbt, was denn nach Adenauer komme. Daß die deutsche Politik nach Adenauer ins Schwimmen geraten könne, befürchten auch manche Deutsche. Man muß sich also mit jener Frage beschäftigen, sonst entsteht daraus eine jener incertitudes allemandes, von denen so viel Wesens gemacht wird, wie der Bundespräsident jüngst sagte, die aber auch zu einem deutschen und internationalen Komplex werden können, wenn man sie als eine dumpfe Malaise weiterschwären läßt.
Eines ist dabei ganz klar: eine Demokratie kann nie auf zwei Augen ruhen und nie auf nur einer einzigen Partei. Eine Demokratie, die keine Alternative hat, ist keine mehr. Churchill sagte in Yalta zu Roosevelt und Stalin: Ich bin von uns Dreien der einzige, der jederzeit gestürzt werden kann, und ich bin stolz darauf. Wenn das Vertrauen zwischen den Amerikanern und der Bundesrepublik nur auf die Person Adenauers und eine bestimmte Parteien- und Mehrheitskonstellation gegründet wäre, dann wäre es in der Tat mit der Weltpolitik traurig bestellt.
Als die Preußen bei Königsgrätz siegten, sagte ein römischer Kardinal: 11 mondo casca – die Welt bricht zusammen. Jeder von uns mag nach seiner Einstellung einen Personenwechsel und einen Wechsel der Regierungskoalition und Regierungsfarbe begrüßen oder bedauern, für einen Fortschritt oder für einen Rückschritt ansehen. Es ist aber weder eine Katastrophe noch ein Wunder oder ein Heilgeschehen. Keine Welt bricht zusammen. Die Erde spaltet sich nicht, und der Vorhang im Tempel zerreißt nicht, wenn Adenauer abtritt oder eine andere politische Gruppe ans Ruder kommt. Gewiß, es wird Anpassungsschwierigkeiten geben, auch wenn die jetzige Regierungskonstellation bleibt, da in puncto politischer Köpfe in der Bundesrepublik ein embarras de richesse nicht besteht. Aber die Völker passen sich schnell an. Menschen wachsen mit ihren Aufgaben. Die Republik muß das Selbstvertrauen der Monarchien bekommen: Le roi est mort, vive le roi! Der „Bundeskanzler“ stirbt nicht.



