Der Geist und die Kraft

Heinrich Scholz, den Lesern unserer Zeitung seit langem bekannt durch ebenso tiefgründige wie bestechend formulierte Meditationen zu kirchlichen Festtagen, ist ein mathematischer Logistiker von Rang. Von 1928 an hatte der jetzt emeritierte Gelehrte das Ordinariat für Logistik an der Universität Münster inne. Daß gerade dieser Mann nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen den Leser zu belehren vermag, ist ein schöner Beweis für die Identität der menschlichen Person. Scholz kam ursprünglich von der Theologie. Schon 1910 wurde er Privatdozent für systematische Theologie an der Universität Berlin. Im ersten Weltkrieg – 1917 – berief die Universität Breslau ihn auf ihren religions-philosophischen Lehrstuhl. 1919 war er Ordinarius für Philosophie in Kiel. Als er sich dann in den zwanziger Jahren, von Kant und dem deutschen Idealismus kommend, der mathematischen Logistik zuwandte, brachte er es bald zu internationalem Ansehen. Der heute 72jährige genießt überall hohen Ruf als eine der ersten Kapazitäten auf diesem Gebiet.

I.

Es gibt nichts Pfingstlicheres, als den Beweis des Geistes und der Kraft. Und nichts, was des Pfingstfestes würdiger ist, als die Besinnung auf das, was wir haben an ihm. Aber um dies einzusehen, muß man wissen, wovon man spricht.

Wenn wir von dieser Forderung Gebrauch machen, so werden wir zurückgeführt auf den Apostel Paulus. Die christliche Urgemeinde in Korinth ist eine von seinen wesentlichen Schöpfungen gewesen; aber sie ist nicht das geworden, was aus ihr hatte werden sollen. Nicht eine Gemeinde, in der sich die Paulinische Verkündigung durchgesetzt hatte, sondern eine Gemeinde, in der sie von schweren Verdunkelungen überschattet war.

Anzeige

Es ist nicht gesagt, aber es ist zu vermuten, daß es in Korinth schon vor der Ankunft des Apostels philosophische Zirkel gegeben hat, mit einem regen Interesse an Geistesgaben. Und es liegt nahe, anzunehmen, daß in seiner Verkündung von Anfang an das Thema der Geistesgaben eine Rolle gespielt hat, die diesem Interesse entgegengekommen ist; denn der Apostel sagt nirgends: „Wann habe ich von Geistesgaben gesprochen?“, sondern er geht auf das Thema ein wie ein unmittelbar Beteiligter und mit der Anerkennung des Geistes, die ihren Höhepunkt erreicht in dem denkwürdigen Satz, der also lautet: „Der Geist ergründet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“ Es ist ein Satz, der von Hegel ;eprägt sein könnte. In edem Falle würde Hegel sich zu ihm bekannt, er würde ihn unterschrieben haben. Die überwiegende, ja weit überwiegende Mehrzahl der von Paulus Eür das Christentum gewonnenen Glieder der korinthischen Gemeinde muß ihn für einen Philosophen gehalten haben, genauso wie es ihm nach dem Bericht der Apostelgeschichte in Athen ergangen ist. Sie hat das Thema der Geistesgaben als das Hauptthema aus seiner Verkündigung herausgehört, auf eine sehr begreifliche Art für Hörer mit wesentlich philosophischen Interessen. Dagegen wird man nur mehr oder weniger beiläufig zur Kenntnis genommen haben, was derselbe Apostel gesagt hat. zur Heilandgestalt seines Christus und erst recht zu seinem Kreuztod und der Selbstoffenbarung Gottes in ihm. Man vergesse nicht, daß einem Griechen damit etwas zugemutet war, was ihn im allgemeinen Fall mehr oder weniger überfordern mußte, auch mit dem besten guten Willen.

Paulus mußte deutlich werden, so deutlich, daß ein Mißverstehen fortan unmöglich war, wenn er sich durchsetzen wollte. Dies ist in dem ersten Brief an die Korinther geschehen. „Ich bin nicht ein Philosoph. Ich bin das Widerspiel eines Philosophen. Ich weiß nichts von philosophischen Deduktionen. Mein einziger Stützpunkt ist – der Beweis des Geistes und der Kraft.“ So läßt die Korrektur sich zusammenfassen, die das Mißverständnis ausräumen soll, dem der Apostel in der Korinthischen Gemeinde begegnet ist. Und wie begründet er, daß er kein Philosoph ist, sondern das Widerspiel eines solchen? Durch eine Charakterisierung der Philosophie, die als Markstein anzusehen ist. Zum ersten Male in ihrer Geschichte wird sie als Weltweisheit angesprochen. Als Weltweisheit ist sie dadurch bestimmt, daß sie von dem Paulinischen Christus nichts weiß, daß sie von ihm nichts wissen will, und erst recht nichts von seinem Kreuzestod und der Selbstoffenbarung Gottes in ihm. Für sie ist die Botschaft von diesem Christus, ja, was ist sie? Törichtes Geschwätz. Dieser selbstbewußten Weltweisheit stellt der Apostel in schärfster Konfrontierung das ganz andere entgegen, dem er selbst sich verpflichtet weiß.

Er nennt es, um ihm einen Namen zu geben, der den Gegensatz unmißverständlich zum Ausdruck bringen soll: „Gottesweisheit“, „Theosophie.“ Mit diesem Übergang kehren die Maßstäbe sich um. Die Weisheit der Philosophen wird für den neuen Standort zu einem Quell der Verwirrung. Sie sinkt nun ihrerseits herab zu einer Häufungsstelle von törichten Prätensionen. Und wodurch beglaubigt die Gottesweisheit sich gegenüber der Philosophenfront? Nicht durch philosophische Deduktionen. Sondern? Durch den Beweis des Geistes und der Kraft.

Service