Ludwig Thormaehlen ist am 3. Mai 1956 nach kurzer Krankheit in einem Sanatorium in Bad Ems gestorben, fast 67 Jahre alt.

Seinen scharfgeschnittenen, großartig männlichen Kopf wird keiner vergessen, der ihn kannte. Er war ein ungewöhnlicher Mensch von bedeutenden Anlagen und vielseitigen Gaben, vieles Wesentliche im deutschen Kunstleben bewirkend, für manche Freunde fast ein Orakel und immer von einer vorbildlichen, selbstbewußten Haltung auch in schweren Schlägen, seines an Enttäuschungen reichen Lebens. Einem großen Kreis war er der treueste und zuverlässigste Freund, aber er konnte auch unerbittlich hassen.

Er hatte bei Vöge Kunstgeschichte studiert. 1914 holte ihn Justi an die National-Galerie. Nach dem ersten Weltkrieg hat er am Aufbau der neuen Abteilung im ehemaligen Kronprinzen-Palais entscheidend mitgewirkt. Mit vielen Künstlern, besonders mit Erich Heckel, eng befreundet, mit dem sicheren Urteil dem zeitgenössischen Schaffen gegenüber, das aus eigener künstlerischer Betätigung stammte, konnte er manchen wichtigen Ankauf, manche richtungweisende Ausstellung anregen oder durchführen.

Auch die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts beschäftigte ihn, vor allem aber Böcklin, über den er ein großes Buch plante, das nie vollendet wurde. Die umfangreichen Vorarbeiten sind im Kriege vernichtet worden. Aber die Beschaffung des reichen und zum Teil unbekannten Bildmaterials der großen Böcklin-Ausstellung von 1928, die die Vorstellung von diesem großen Maler völlig veränderte, war sein Verdienst. Er hat viel geschrieben – Denkschriften, Vorarbeiten zu Büchern – aber wenig veröffentlicht. Ein kleines Buch über Heckel, einige Vorworte zu Ausstellungskatalogen über Corinth, Feiniger, Otto Mueller, ein Aufsatz über Münch – das ist fast alles. Aber in vielen Büchern und Aufsätzen von Freunden und Kollegen stecken Anregungen, Formulierungen, Deutungen von ihm, der großzügig mit seinem Wissen und seinen Erkenntnissen umging.

Er hat immer gebildhauert. Ganz „unzeitgemäß“ suchte er in seiner Plastik die Bildnisse bedeutender oder befreundeter Menschen in klassisch-einfachen Formen festzuhalten. Auch sein bekanntestes Werk, das Denkmal der Gefallenen im Kreuzgang bei Unser Lieben Frauen in Magdeburg, ist das Bildnis eines gefallenen jungen Dichters. Sein erstes Werk war der Kopf Stefan Georges.

Die Begegnung mit George war für den jungen Thormaehlen sicher das entscheidende Erlebnis. Bis zu dessen Tode war er dem Dichter eng verbunden, der immer bei ihm wohnte, wenn er in Berlin war. In Thormaehlens Wohnung traf sich dann der Kreis der „Blätter für die Kunst“. Aber auch andere Menschen trafen sich hier, Künstler vor allem und Kunstfreunde. Ein großer Kreis von Freunden wird ihn nicht vergessen. Alfred Hentzen