Ist die deutsche Literatur von heute so reich an poetischen Talenten, daß wir es uns leisten könnten, echte Dichter zu vergessen? Wahrscheinlich nicht! Und doch gibt es viele Lyriker, die im zwanzigsten Jahrhundert gelebt und gedichtet haben, und heute schon vergessen sind. Ihnen soll eine kleine Reihe Porträts gewidmet sein, die wir auf unserer Literaturseite in den Sommermonaten veröffentlichen wollen. Diese Porträts können den ganzen poetischen Reichtum der Vergessenen nicht verdeutlichen. Wenn sie aber dazu verhelfen, daß der eine oder andere Leser wieder zu den Gedichten des Porträtierten greift – dann haben sie schon ihren Zweck erfüllt.

Dies ist in wenigen Sätzen der Steckbrief des Vergessenen: Am 16. März 1883 zu Dresden geboren, bürgerliches Elternhaus, Gymnasium, Abitur, Studium, Doktor der Philosophie, gibt seinen ersten Gedichtband „Das Marienbuch des Jakob Haringer“, „im Unglücksjahr 1917“ heraus. In den zwanziger Jahren weitere Werke; „Abschied“, „Heimweh“, „Ufer im Regen“ werden die bedeutendsten. 1925 Gerhart-Hauptmann-, 1926 Kleist-Preis – und damit Inhaber der beiden wichtigsten deutschen Literaturauszeichnungen. Dennoch schwimmt er gegen den Strom, schreibt ein wüstes Pamphlet gegen Goethe, den er einen „literarischen Freibeuter“ und „Kellner“ nennt, welcher „nie in der Einsamkeit rang“. 1933 emigrierte Haringer vor Hitler, den er glühend haßte, nach Salzburg, 1938 weiter in die Schweiz. In großer Armut, nur von wenigen Schweizer Freunden unterstützt, lebte er seine letzten Jahre in Könitz bei Bern – auch nach 1945 nicht wiederentdeckt. Am 3. April 1948 stirbt einer der größten deutschen Lyriker unserer Jahre – vollkommen vergessen und unbeachtet in Zürich.

Über Haringer gibt es keine Biographie, außer der einzigen längeren und mit feinem Verständnis für die Dichtung arbeitenden Untersuchung eines – Psychiaters namens Robert Flinker keine Sekundärliteratur. Es gibt kein Gesamtwerk. Und als im Jahre 1947 der sowjetzonale Literat René Schwachhofer eine verdienstvolle Antologie von Lyrikern herausgab, die im Dritten Reich verboten waren, wußte er – seinen biographischen Notizen nach zu urteilen – bei Jakob Haringer noch nicht einmal, ob der Autor noch lebte.

Wie ist ein solches Vergessen möglich bei einem Dichter, dessen Verse nichts Esoterisches haben, der Gedichte schreibt, die an alte Volkslieder erinnern – Gedichte wie dies:

Fahr ich wieder in mein altes Städtchen,

flattert ins Kupee der letzte Mohn –

Es sind immer noch dieselben Mädchen,