Westberlin Rowdies zu besichtigen
S. L. Berlin
S. L, Berlin Brauchst de Blum nich zu jießen, heute kommt doch der Wassawerfa!" Der Herr auf dem Balkon, der also zur Gattin sprach, war am letzten Donnerstag auf der Karikaturzeichnung einer Westberliner Tageszeitung zu sehen. Um den Sinn der Anspielung vollends klarzumachen, war dem Bild noch ein Straßenschild eingezeichnet, auf dem in unübersehbaren Lettern „Afrikanische Straße" zu lesen stand. Gleichzeitig teilte die Zeitung ihren Lesern mit, daß ihr Polizeireporter sich „ohne besondere Aufforderung heute für einen abendlichen Besuch in der Afrikanischen Straße in Wedding eingerichtet" habe.
Gleich ihm fanden sich am selben Abend einige Tausend sensationslustiger Berliner in der Straße am Wedding ein, vornehmlich Halbwüchsige, die alsbald, da sonst nichts geschah, den „Rabatz" entfesselten, den zu erleben sie von Neukölln bis Reinickendorf herbeigeeilt waren. Denn seit Wochen ist die Afrikanische Straße in dem Nordberliner Arbeiterbezirk an jedem Donnerstagabend Schauplatz lärmender Bandenstreiche, die einen allwöchentlich zunehmenden Polizeieinsatz nötig machen. Im Cafe Punckt nämlich, gegenüber dem Eingang zum Volkspark Rehberge, treffen sich in Lederwesten und weißen Sturzhelmen, einen elfenbeinernen Totenkopf als Vereinsabzeichen an Jacke oder Motorrad, die Mitglieder der motorisierten „Totenkopfbande" mit ihren Freundinnen zum Tanz. Das an sich harmlose Vergnügen wird von lärmenden Geschicklichkeitsfahrten auf den schweren Maschinen der Jungen durch das „Afrikanische Viertel" abgelöst. Vor zwei Wochen griff die Polizei zum erstenmal energisch durch, nachdem sich die Anwohner der Straße über den tosenden nächtlichen Lärm beklagt hatten. An den Cafes entlang wurden Haltverbotsschilder aufgestellt, und in der näheren Umgebung wurde mit Phon Messern der Lärm der wildgewordenen Bandenfahrer abgehört. Sieben Burschen wurden festgenommen, weil sie übermäßig laut waren, elf Motorräder und zwei Mopeds, sichergestellt, weil sie zu „verkehrsfremden Zwekken" benutzt worden waren. Gleichzeitig kontrollierten kombinierte Streifen des Jugend- und Gesundheitsamts des Bezirks mit der Kriminalpolizei das Lokal. Ergebnis: 50 Jungen und elf Mädchen wurden gestellt, 19 Übertretungsanzeigen erstattet. Während der Polizeiaktion hagelten Steine aus den Parkbüschen auf die Polizisten, die kräftig vom Gummiknüppel Gebrauch machen mußten. Nachdem die Zeitungen an den folgenden Tagen die Knüppelaktion der Polizisten teils begrüßt, teils verurteilt hatten, wuchs das Interesse der Öffentlichkeit an der Motorhorde vom Wedding, so daß am nächsten Donnerstag rund dreitausend meist jugendliche Bürger die Afrikanische Straße füllten, um dabei zu sein, wenn der Radau losginge. Diesmal wurden sogar Wasserwerfer eingesetzt, dock nicht gegen die „Totenkopfbande", die kaum in Erscheinung trat, sondern gegen die Schaulustigen, die weder durch Mahnungen noch Drohungen au? Lautsprecherwagen der Polizei zum Räumen der Straße zu bewegen waren. Das gleiche Schauspid wiederholte sich in der vorigen Woche, diesmal allerdings ohne Wasserwerfer. Dafür trat jetzt die Totenkopfbande sozusagen als „Freund und Helfer" der Polizei auf, die sich zunächst völlig zurückhielt, um nicht abermals Vorwürfe über brutale! Vorgehen einzusammeln. Als nämlich die randalierenden „Zuschauer" Autofahrer zu bedrängen und unter den anspornenden Zurufen der Mädchen, „Klamauk zu machen", Autos umzuwerfen begannen, stürmten die Lederjacken aus dem Lokal, verprügelten die Rädelsführer und machten die Straße frei. Dann erst erschien die bereitstehende Polizei Inzwischen hat Berlins Senator für Jugend und Sport, Frau Ella Kay, mitgeteilt, daß vom Herbs: an ausgewählte Polizisten bei den Bezirksjugendämtern hospitieren sollen, um einmal den Kern einer lange geplanten Jugendschutzpolizei bilden zu können. Bei den Weddinger Ausschreitungen war Frau Kay nicht zugegen; so konnte sie di Radaumacher als „harmlose Jugendliche" bezeichnen, die man doch, bitte, nicht Rowdies nenne solle.
- Datum 26.07.1956 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.7.1956 Nr. 30
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