Der Verrat im zwanzigsten Jahrhundert

Für und gegen die Nation – Wo liegt die Grenze zwischen Verbrechen und Patriotismus? von Margret Boveri

Von Margret Boveri

In der Enzyklopädie des Rowohlt-Verlages erscheint in diesem Monat eine Untersuchung der bekannten politischen Journalistin Margret Boveri über den „Verrat im 20. Jahrhundert“ („Für und gegen die Nation“). Die Verfasserin schildert, wieso sie sich mit diesem erregenden und zugleich so schwer abgrenzbaren Thema – was ist schließlich Widerstand, was Verrat im modernen totalitären Staat? – beschäftigt hat: „Die Erfahrung“, schreibt sie, „daß Personen, die ich nicht als Verbrecher ansehen konnte, mit den verschiedensten Begründungen, aber in meist sehr gleichförmiger Weise verhaftet, mißhandelt, oft auch hingerichtet wurden, hat mich zum Nachdenken der Besonderheiten meiner Zeit gezwungen.“ Und die Besonderheit dieser unserer Zeit ist der Zustand des latenten Bürgerkrieges. Die Untersuchung beschäftigt sich nicht mit den gekauften Verrätern, die gab es zu allen Zeiten, sondern mit jenen, die von den einen Patrioten genannt werden, von den anderen Verräter. Es ist eine lange Kette, die so verschiedene Glieder hat, wie Marschall Pétain, König Leopold der Belgier, die Rose von Tokio, Lord Haw-Haw, Quisling, Ullrich von Hassell, Klaus Fuchs ...

In Norwegen kam 1945 ein alter, fast tauber Mann in Zwangsaufenthalt unter Polizeiaufsicht. Niemand sprach mit ihm. Die drei Krankenschwestern verschütteten absichtlich seinen Kaffee, seine Suppe. Er wollte ihnen erklären, daß er niemand umgebracht habe, nichts gestohlen, kein Haus in Brand gesteckt. Sie hörten nicht zu und gaben ihm keine Antwort. Ein Jahr später, in der psychiatrischen Klinik, wußte er schon etwas mehr: „Ich bin mit der Polizei gekommen. Ich bin Gefangener, ich bin Landesverräter, wissen Sie.“ Und auf die Frage der Oberschwester, wie er denn in dieses Unglück hineingeraten sei, sagte er: „Es macht nichts.“

„Es macht nichts.“ Der norwegische Dichter Knut Hamsun war, als er das sagte, 85 Jahre alt. Für ihn gab es noch eindeutige Verbrechen: Mord, Diebstahl, Brandstiftung. Der Satz: „Ich bin Landesverräter, wissen Sie“, klingt wie von einem Kind, das erklärt: „Ich weiß etwas, was du nicht weißt.“ Wußte er selbst, was er damit sagte? Tat er, der in seinen Büchern doch sichtlich die ganze Skala menschlicher Möglichkeiten gestaltet hat, nur so, als wisse er es nicht? Jedenfalls bezeugte er mit der Art seines Sichstellens, wissend und unwissend zugleich, daß etwas Unerhörtes vor sich ging. Landesverräter. Das neuartige Verbrechen ausgerechnet eines Mannes, der als Auswanderer in Amerika vor Heimweh bittere Tränen geweint hatte, der im Erfolg glaubte, sein Land, Norwegen, immer eindeutig geliebt, ja, es über andere erhoben zu haben.

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Wir, im Gegensatz zu Hamsun, können nicht mehr sagen: „Es macht nichts.“ Denn der Verrat ist in unserem Leben zum Alltagsbegriff geworden, so umfassend, als habe er sein eigenes geheimes und so undurchsichtig-mächtiges Reich auf einer Ebene errichtet, die sich nicht mit Völkern, Nationen, Verfassungen, Glaubensgemeinschaften deckt, aber doch alle zerstörend oder verwandelnd durchdringt. Der Inhalt des Verrats wechselt, indem sich das Rad der Geschichte dreht. Heute werden als Helden oder Märtyrer die gefeiert, die gestern als Verräter gehenkt wurden, und umgekehrt. Der drohende Schatten dringt in die Universitäten, die Schulen, die Familien, die Flüchtlingslager. Ein Westberliner Primaner darf mit seinem langjährigen Schulfreund keine Briefe wechseln, seitdem dieser im ostzonalen Dresden wohnt.

Träger des Verrats war früher ein einzelner. Heute ist der einzelne nicht ausgeschaltet, aber neben, gegen, hinter ihm steht die Gruppe: fünfte Kolonne, ferngelenkte Zellengemeinschaft oder Untergrundbewegung. Die amerikanische Zeitschrift „Time“ sprach 1946 von den Millionen in aller Welt, deren Ziel es geworden sei, die Institutionen, unter denen sie leben, zu verraten.

Die Zahl ist nicht so übertrieben, wie sie klingt. Unter der „Jurisprudenz der Säuberung“ waren in Frankreich im Jahre 1946 mehr als eine halbe Million Menschen verhaftet worden, die mit einer Anklage auf Verrat rechnen mußten; 160 000 Prozesse sind abgerollt. Nach amerikanischer Schätzung fielen 100 000 Franzosen der Libération zum Opfer, – mehr Tote, als Frankreich auf dem Schlachtfeld oder in der Gefangenschaft zu verzeichnen hatte. In Belgien ist es zu 600 000 Prozessen und Untersuchungen gekommen, in Holland zu 130 000. Unter der „Jurisprudenz der Sicherheit“, die als Vorbeugungsmaßnahme die „Jurisprudenz der Säuberung“ abgelöst hat, waren in Amerika unter Truman 570 Beamte entlassen worden, 2748 freiwillig zurückgetreten; in den ersten zwei Jahren der Eisenhower-Administration sind über 8000 Beamte unfreiwillig aus dem Dienst geschieden. In England hatte sich der Kreis von Personen, über deren Zuverlässigkeit „legitime Zweifel“ bestanden, im Jahre 1954 von ursprünglich dreitausend schon auf zehntausend erhöht.

Seit Hitler und seit dem Krieg wird nicht nur gegen den einzelnen, sondern gegen ganze Gruppen Ausbürgerung, Massendeportation oder Zwangsaufenthalt verfügt. Der Großgrundbesitzer, der auf Grund seines Landbesitzes östlich der Elbe die Existenzberechtigung verloren hat, der Jude, der unter Hitler ausgerottet werden mußte, der Beamte, der in Amerika seine Stelle verliert, weil sein Schwiegervater eine radikale Zeitung herausgegeben oder er selbst den Kampf der Linken in Spanien unterstützt hat, sie sind alle „potentielle“ Verräter eines verabsolutierten Wertes (der klassenlosen Gesellschaft, der Rassenreinheit, der Heiligkeit einer Verfassung), Teilnehmer an einer Weltbewegung, die noch kaum je einheitlich gesehen wurde, weil sie überall in verschiedenen Formen und mit verschiedenen Inhalten auftritt.

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