H. H., Hamburg

Einhundertdreißig englische Kinder und ihre einhundertdreißig deutschen Freunde fuhren Anfang August aus England nach Hamburg. Die Deutschen, nach einem dreiwöchigen, erlebnisreichen Englandaufenthalt in den Familien ihrer Austauschpartner, die Engländer, auf dem Wege, jetzt ihre ersten persönlichen Eindrücke in Deutschland zu sammeln.

Der Transport führte über Dover nach Ostende. Dort standen bestellte Eisenbahnwagen bereit. Alles lief reibungslos ab, bis zur deutschen Grenze. Dort stellte sich plötzlich heraus, der Zug sei zu lang. Also erhielt der Zugführer den Befehl, in Mönchen-Gladbach zwei Wagen abkoppeln zu lassen.

Der Befehl wird ausgeführt; und zwar ohne Überlegung, was da für ein Unheil angerich:et wird, ohne nachzuschauen, wer eigentlich in dem betroffenen Wagen sitzt, ohne es für nötig zu halten, irgend jemanden zu benachrichtigen. Das heißt, in dem Augenblick, wo die Spitze des Zuges nach Hamburg dampft, das Ende aber in entgegengesetzter Richtung vorläufig auf ein Abstellgleis geschoben wird, in diesem Augenblick werden Lehrer und Kinder der abgehängten Wagen durch den wiederholten Ruf eines Bahnbeamten aufgeschreckt: „Wer nach Hamburg will, muß umsteigen in die vorderen Wagen!“

Nun, nach Hamburg wollten alle hundert Wageninsassen, Aber mit schwerem Reisegepäck aus dem einen Zug herausspringen und hinter dem in entgegengesetzter Richtung fahrenden Zug herlaufen, ihn einholen und auf. ihn aufspringen – das ist wohl eine der erstaunlichsten Anforderungen, die je von einer Bahndirektion an Reisende gerichtet wurde.

Die Folgen: ganze Schülergruppen wurden von den dazugehörigen Lehrern getrennt, Austauschpartner waren auseinander gerissen, das Gepäck mancher Kinder reiste im ersten Zug, die Eigentümer folgten im zweiten, und umgekehrt.

Auf dem Hamburger Hauptbahnhof warteten die Eltern entweder auf ihre eigenen Kinder oder auf ihre englischen Gäste. Nach 30stündiger Fahrt saßen die mit dem ersten Zug angekommenen kleinen Enländer übermüdet, hungrig und ratlos auf dem Bahnsteig, ohne zu wissen, wo sie hingehörten, weil ihre Austauschpartner noch nicht da waren. Mit zweieinhalb Stunden Verspätung traf der zweite Zug ein, er war viel länger, als der erste, dessen Länge so dringend der Kürzung bedurfte.