Zu den großen Gedenkausstellungen in vier holländischen Städten

Von Gottfried Sello

Goethe und Schiller hatten es gut: ihre Gedenkjahre (1949 und 1955) standen ganz in ihrem Zeichen. Die verehrten Jubilare von 1956 dagegen müssen sich die Feierlichkeiten teilen. Wir feiern in diesem Jahr sowohl Heines 100. Todestag wie Mozarts 200. Geburtstag – Schumanns 100. Todestag ebenso wie Rembrandts 350. Geburtstag. Und in der Tat sind den vielen Reden und Festivals schon zwei der Jubilare zum Opfer gefallen: Heine und Schumann. Von ihnen spricht kaum noch jemand, jetzt, in ihrem Gedenkjahr. Die beiden anderen Namen aber strahlen immer heller: Mozart und Rembrandt.

In zwei großen und mehreren kleinen Ausstellungen gedenkt man desMalers, der am 15. Juli 1606 in Leiden geboren wurde. Der Aufwand ist beträchtlich und entspricht dem jubiläumsfreudigen Stil unserer Tage. Ihre Majestät die Königin eröffnete die Gemälde-Ausstellung des Müllersohnes, zu dessen. Bildern sich die sächsischen Könige einst nur widerstrebend bekehren ließen, weil sie ihnen zu plebejisch waren. Oskar Kokoschka hielt die Geburtstagsrede – eine Stegreifrede, in der er gegen die abstrakten Tendenzen der zeitgenössischen Malerei zu Felde zog. Die Gemeinde Amsterdam schmückte das Grab mit jenen Lorbeerkränzen, die bei dem Armenbegräbnis am 8. Oktober 1669 nicht zur Stelle waren. Daß die Jubiläumsfreudigkeit auch hier – wie überall in der Welt, wo man die großen Künstler der Vergangenheit feiert – gelegentlich in Rummel ausartet, sei nur am Rande vermerkt.

So äußert sich, in sehr verschiedenen Formen, der verständliche Stolz der Holländer auf ihren großen Maler, den sie für die Inkarnation des Holländischen halten. Aber schon bei Emile Verhaeren, in seinem von Stefan Zweig übersetzten Rembrandt-Buch, steht der Satz, „daß niemals ein Genie sein Land verkörpert“. Das typisch Holländische wird von den mehr als 300 Malern, die das kleine Land in seinem Goldenen Zeitalter, dem 17. Jahrhundert, aufzuweisen hatte, viel besser repräsentiert als von Rembrandt. Das Genie ist immer Außenseiter, ist exzentrisch, weil es sich vom Typischer, von der Norm, von der beharrenden Mitte entfernt. Es ist ohne eigentliche Herkunft, es begründet, es setzt Tradition, ohne in einer klar erkennbaren oder gesicherten Tradition zu wurzeln. Es besagt wenig, daß Rembrandt der Schüler des Pieter Lastman in Leiden war, zu dessen italienischmanieristischer Auffassung er von vornherein in Opposition geriet. In seiner großen Rembrandt-Monographie hat Wilhelm Hausenstein ihm eine geistige Ahnenreihe erfunden, die über Seghers und Elsheimer auf Grünewald zurückgeht – eine gewagte Spekulation, die aber zum mindesten in ihrer negativen Aussage überzeugt, daß nämlich das Phänomen Rembrandt nicht aus seiner niederländischen Herkunft zu begreifen ist.

Das Genie und Holland

Bis in die jüngste Zeit ist die Frage nach der Beziehung zwischen Rembrandt und der holländischer Malerei nicht zur Ruhe gekommen. In seinem 1948 erschienenen Rembrandt-Buch schreibt Richard Hamann: „Rembrandt und die holländische Malerei – nähme man aus dieser Zweiheit Rembrandt hinweg, so fehlte der holländischen Malerei das höchste – Rembrandt, das Genie.. Nähme man aus dieser Zweiheit die holländische Malerei, dann bliebe nicht nur Rembrandt, sondern auch die holländische Malerei, bliebe ihr Wesen, ihre Entwicklung. Nichts Malerisches, was die holländischen Maler neben ihm hervorgebracht haben, ist ihm fremd, er hat alles, wo andere nur Eines haben ...“ Es ist erstaunlich, zu welchen maßlosen Übertreibungen selbst ruhige, sachliche Autoren neigen, sowie es um Rembrandt geht! Allein der Hinweis auf Frans Hals und Vermeer sollte genügen, um den Eigenwert der holländischen Malerei zu beweisen. Umgekehrt wird damit, daß man Rembrandt mit der holländischen Malerei identifiziert, seine Größe sogar verkannt und auf das holländische Maß reduziert, dem Rembrandt genauso entzogen ist wie sein später Landsmann Vincent van Gogh.