W. L., München

Während der Regentage ist es unmöglich, sauber über die Tsingtauer Straße in Waldtrudering zu kommen. Selbst bei niedriger Geschwindigkeit peitschen die Autoreifen das Wasser aus den Schlaglöchern meterweit über die Gartenzäune. Für jüngere Straßenpassanten war das Geräusch eines sich nähernden Automotors schon lange der Startschuß zu einem verzweifelten Sprung in die freie Wiese zur Linken. Ältere Leute mußten sich damit begnügen, den Fahrzeugen flehentlich-bittend beide Hände entgegenzustrecken, was sie leider nur selten vor einer Dreckdusche bewahrte.

Aus diesem Grunde bereitete das Schreiben des Amtes für öffentliche Ordnung der Landeshauptstadt München mit dem „Betreff: Randsteinsetzung in der Tsingtauer Straße“ vom 8. August 1956 allen Anwohnern eine große, freilich nicht ungetrübte Freude.

Nach Mitteilung dieser Behörde wird die „Fahrbahnbefestigung“ nun ausgeführt: ... „und es ist unerläßlich, daß auch entlang der Gehbahn vor Ihrem Grundstück die Randsteine mitgesetzt werden“, heißt es in dem vervielfältigten Schreiben ohne Anrede.

Weiterhin weist der Unterzeichner, ein Dr. Mayer, darauf hin, daß „gemäß § 3 Abs. I, III und VII der MSTO hiermit an Sie als der herstellerpflichtige Grundanlieger der gem. § 24 MSTO strafbewehrte verkehrsaufsichtliche Auftrag ergeht, die Gehbahn entlang Ihrem Grundstück mit Randsteinen versehen zu lassen ... Die Randsteinsetzung wird auf Ihre Kosten vorgenommen ... Die Kostenrechnung wird Ihnen zur gegebenen Zeit zugestellt werden.“

Herr Direktor Mayer wird einem verwunderten Staatsbürger eine Frage erlauben: Haben Sie wohl davon gehört, daß der bayerische Ministerpräsident Dr. Wilhelm Högner im Bayerischen Landtag den Beamten mündlich und schriftlich ans Herz gelegt hat, ihren „Kunden“ gegenüber den sonst im allgemeinen Wirtschaftsleben gebräuchlichen Umgangston anzuschlagen? Zu gutem Deutsch kann man niemanden verpflichten. Der eine hat’s, der andere hat’s nicht. Aber höfliches Deutsch dürfen die Steuerzahler vielleicht von Ihnen erwarten ...