In Bukarest haben Ende Juli Verhandlungen zwischen einer Delegation des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und rumänischen staatlichen Stellen stattgefunden. Sie sollten nicht zu neuen handelsvertraglichenAbschlüssen führen, sondern lediglich „bei Halbzeit“ einen Überblick geben, wie sich die deutsch-rumänischen Vereinbarungen im laufenden Jahr abgewickelt haben. Das Ergebnis wird als zufriedenstellend bezeichnet, obwohl von den nach jeder Seite 30 Mill. $ umfassenden Werten der Vereinbarungen im ersten Halbjahr 1956 erst etwa 40 v. H. durch Aufträge gedeckt wurden, von denen nur 15 v. H. bereits abgewickelt worden sind. Dieses auf den ersten Blick mager erscheinende Resultat erklärt sich in erster Linie daraus, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der in diesem Jahr erfolgten Lieferungen noch dem vorhergehenden Vertragsjahr gutgeschrieben worden ist. Ob bis zum Ende des Jahres die Gesamtsumme des Abkommens erreicht werden wird oder nicht, ist aber gar nicht so bedeutsam. Sehr viel wichtiger wäre es, wenn das, was im einzelnen über den Gang der Verhandlungen in Bukarest und über ihr Ergebnis verlautbart worden ist, bei allen Stellen, die es angeht, Anlaß zum Nachdenken über den weiteren Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik nicht nur zu Rumänien, sondern auch zu den übrigen osteuropäischen Ländern sein würde ...

Die Bukarester Verhandlungen verliefen, wie seitens der deutschen Delegation betont wird, in ausgesprochen freundschaftlichem Geist. Die rumänischen Verhandlungspartner zeigten sich von der gastfreundlichsten Seite. Den deutschen Teilnehmern wurde – soweit es die zur Verfügung stehende Zeit zuließ – jede Möglichkeit gegeben, sich durch eigene Anschauung und Gespräche über die Verhältnisse im Lande zu orientieren. Das läßt zumindest den Schluß zu, daß man in Rumänen einem engeren Kontakt mit der Bundesrepublik nicht abgeneigt ist. Dafür spricht auch, daß rumänischerseits durchaus die Errichtung einer Vertretung des Ost-Ausschusses in Bukarest begrüßt werden würde. Dies ist auch bereits grundsätzlich beschlossen worden, konnte aber aus finanziellen Gründen bisher leider noch nicht verwirklicht werden.

Kennzeichnend für die künftige Entwicklung des Warenaustausches mit Rumänien ist die klar hervortretende Tendenz, uns an Stelle von Rohstoffen in möglichst großem Umfang Halb- oder Fertigfabrikate zu liefern. Dieser Wunsch erstreckt sich nicht nur auf die sogenannten landwirtschaftlichen Veredelungserzeugnisse, sondern auch auf Erdölprodukte und Holzerzeugnisse. Das hängt mit der immer weiter fortschreitenden Industriealisierung zusammen. Westdeutschland muß sich damit abfinden, daß es sich auch dem Osten gegenüber – ebenso wie gegenüber den früheren Kolonialländern – aus den handelspolitischen Gedankengängen des Schemas „Tausch von Rohstoffen gegen Fertigwaren“ lösen muß. Wir können dies um so leichter tun, als wir inzwischen gelernt haben, daß die größten Außenhandelsumsätze zwischen hochindustrialisierten Ländern zu finden sind, bei denen der Warenaustausch weitgehend auf einer Ergänzung des beiderseitigen Angebots beruht. Auf dieser höchsten Stufe des internationalen Handelsverkehrs finden sich oft in derselben Zollposition Zahlen in gleicher oder annähernd gleicher Höhe sowohl für die Einfuhr als auch für die Ausfuhr. Es wird aber noch geraume Zeit dauern, bis die wirtschaftliche Entwicklung der Ostländer so weit fortgeschritten ist, daß der Warenaustausch mit ihnen dieses Stadium erreicht. Natürlich können wir auf Rohstoffeinfuhren nicht verzichten. Wir werden uns jedoch daran gewöhnen müssen, in immer stärkerem Maße daneben die Einfuhr von Fertigwaren und Halberzeugnissen zuzulassen. Nur dann wird eine Ausweitung des Handelsverkehrs mit dem Osten möglich sein. Die Bundesrepublik wird aber auch Überlegungen anstellen müssen, wie weit wir durch eine verstärkte Kreditgewährung an die Länder des Ostens das Handelsvolumen ausdehnen können. Mit Redensarten wie die, daß wir unseren „Feinden“ nicht mehr entgegenkommen können als unseren Freunden, kann man diese Frage in Zukunft nicht mehr abtun, weil wir uns auch hier aus den Anschauungen des „Kalten Krieges“ lösen sollten. Die von der Bundesregierung gegenüber den osteuropäischen Staaten verfolgte Politik ist weder bei uns noch draußen verständlich und überzeugend. Wer einen so weitgehenden Schritt wie den Botschafteraustausch mit der UdSSR getan hat, kann mit dem sehr viel kleineren – aber trotzdem vielleicht sehr viel bedeutsameren – Schritt des verstärkten Ausbaus handelspolitischer Beziehungen mit den Satellitenstaaten nicht noch länger zögern.

Selbst die USA, deren Ostpolitik in den letzten Jahren wahrhaftig nicht vorbildlich war, sind sehr viel konsequenter vorgegangen, als sie von den Lieferungen ihrer Surplus-Erzeugnisse zwar nach wie vor die UdSSR und die Volksrepublik China – und selbst diese nur gegen den Willen des State Departments – ausgeschlossen haben, nicht aber die übrigen osteuropäischen Länder. Die Verstärkung der handelspolitischen Beziehungen mit allem, was damit zusammenhängt, ist eines der wirksamsten Mittel, um den Eisernen Vorhang Stück für Stück auszubrechen. Verstärkte handelspolitische Beziehungen führen zwangsläufig zu neuen Kontakten, die sich auf die Dauer nicht nur auf die Verhandlungsdelegationen beschränken können und werden. Diese Kontakte müssen uns politisch erwünscht sein. Sie werden sich auf lange Sicht zugunsten des Westens auswirken. Wenn wir nicht den Entschluß fassen wollen, die politischen Beziehungen zu den Ostblockländern aufzunehmen, so sollten wir wenigstens auf dem Wege über erweiterte wirtschaftliche Beziehungen den Kontakt zu stärken suchen. Die Bundesrepublik sollte vielleicht dabei auch an die noch immer in großer Zahl im Südosten Europas lebenden Volksdeutschen denken, deren Position bestimmt nicht schlechter werden dürfte, wenn der Staat, dem sie angehören, wieder in einem gewissen Konnex mit der Bundesrepublik steht. Bisher überlassen wir dieses Feld leider fast ausschließlich der mitteldeutschen Sowjetzonen-Republik... –e.