Vocke hält nichts von Theorie

Das Wirtschaftskabinett der Bundesregierung hat in der vergangenen Woche die Beratungen über das Bundesnotenbankgesetz abgeschlossen. Es hat allen Versuchungen widerstanden, die Unabhängigkeit der künftigen deutschen Notenbank durch irgendwelche Weisungsbefugnisse der jeweiligen Bundesregierung antasten zu lassen. Dieser Entschluß ist lobenswert, und man darf hoffen, daß das Bundeskabinett noch in diesem Monat die Verabschiedung des Gesetzentwurfes mit der gleichen Einsicht vornehmen wird. Stimmt auch der Bundeskanzler, der seinem Unmut über einige Entschlüsse der BdL in jüngster Vergangenheit recht unzweideutig Ausdruck gegeben hat, der völligen Autonomie der Bundesnotenbank zu, dann dürften alle wesentlichen Klippen umschifft sein, die der Gesetzentwurf in seiner jetzigen Fassung zu passieren hatte. Wenn wir dann auch in kommender Zeit wieder ein unabhängiges Notenbankinstitut haben werden, fällt ein sehr großer Teil des Verdienstes dem jetzigen Präsidenten der BdL, Dr. Wilhelm Vocke, zu, der unermüdlich für dieses Ziel eingetreten ist.

Er hat auch die Gelegenheit nicht ausgelassen, auf der Feier des 100jährigen Bestehens der Vereinsbank in Hamburg seine Auffassung in dieser Frage darzulegen: „Die Notenbank braucht keine politischen Einflüsse, um das zu tun, was zur Erhaltung der Währungsstabilität nötig ist. Dazu bedarf man nicht politischer Aufsicht oder Eingriffe, sondern des Sachverstandes und der praktischen Erfahrung. Wozu sollte man denn einen politischen Druck auf die Notenbank ausüben? Etwa, um der Notenbank etwas aufzuzwingen, was sie für die Stabilität der Währung für gefährlich oder untragbar hält, oder um ihr etwas zu verbieten, was ihr zur Verteidigung der Währung notwendig erscheint?“

Aus diesen Worten klingt der Stolz, an maßgeblicher Stelle an der Schaffung der „harten“ D-Mark mitbeteiligt gewesen zu sein. Aber kann sich nicht auch ein Notenbankpräsidium einmal irren? Sicherlich, doch werden die Fehlerquellen durch eine politische Einflußnahme gewiß nicht geringer, eher größer und deshalb gefährlicher...

Ein eindrucksvolles Beispiel souveräner Notenbankpolitik lieferte Vocke den in der Hamburger Börse versammelten Festteilnehmern, als er das Problem einer Aufwertung der D-Mark behandelte, an dem die außenhandelsorientierten Bank- und Kaufleute der Hansestadt naturgemäß besonders interessiert sind. Mit kühlen Worten wurden die „orakelhaften Sprüche“ von wissenschaftlichen Instituten, wie Vocke sich ausdrückte, beiseitegeschoben: „Ich schätze gewiß die Arbeit der Wissenschaft, aber verlangen Sie nicht von uns, daß wir uns einfach nach ihren Ratschlägen richten. In Geld- und Bankfragen habe ich immer von praktischem Können und praktischer Erfahrung mehr gehalten als von den schönsten Theorien!“ Mit dieser Äußerung wird sich Vocke unter den Wirtschaftswissenschaftlern nicht viele Freunde geschaffen haben, aber als er das Ergebnis seiner Überlegungen in dem Satz zusammenzog, die D-Mark würde keinesfalls aufgewertet werden, war er des Beifalls der hanseatischen Wirtschaft sicher. K. W.