Die Unruhe unter den Künstlern der Sowjetzone wächst. Sie fordern von dem Ulbricht-Regime, endlich Ernst zu machen mit der Entstalinisierung und verweisen dabei auf die Offenheit, mit der man in den benachbarten Volksdemokratien Fehler der Vergangenheit kritisiert und nach neuen Wegen für die Zukunft sucht. Den ideologischen Tugendwächtern an der Spitze klingen solche Stimmen höchst unangenehm in den Ohren. Alexander Abusch, Bechers Stellvertreter als Kultusminister, der 1945 in einem Buch die deutsche Vergangenheit als „Irrweg einer Nation“ analysierte, möchte heute von einem Irrweg in den vergangenen zehn Jahren nichts wissen. Im Zentralorgan seiner Partei Neues Deutschland hält er den Künstlern, die eine ähnliche Diskussion über kulturelle Fragen wie in Polen und der Tschechoslowakei vermissen, entgegen, daß diese in der „Deutschen Demokratischen Republik“ bereits im Sommer 1953 stattgefunden habe und schon damals Mißstände abgestellt worden seien. Jeder weiß aber, daß die nach dem 17. Juni 1953 lautgewordene Kritik aus Kreisen der Kulturschaffenden bald wieder abgewürgt worden war und Änderungen in der bemängelten Praxis des Administrierens sich im wesentlichen auf einen lediglich formalen Strukturwandel des staatlichen Kontrollmechanismus und der von ihm angewandten Methoden beschränkten. Nach diesen Erfahrungen stimmt Abuschs Hinweis, daß mit der jetzt erfolgten Auflösung des Amtes für Literatur und seiner Eingliederung in das Ministerium für Kultur ein weiterer Schritt in seiner Richtung getan worden sei, skeptisch. An der staatlichen Gängelei des Verlagswesens und der parteilichen Kontrolle des gesamten Buchmarktes dürfte sich damit noch nichts ändern. Das Erscheinen eines Hemingway („Der alte. Mann und das Meer“) macht noch keine Geistesfreiheit.

Als seinerzeit das Staatliche Komitee für Filmwesen aufgelöst wurde und seine Aufgaben einer Hauptverwaltung Film im Ministerium für Kultur übertragen wurde, blieb die Bevormundung der Filmschaffenden und die Zelluloidzensur auch dieselbe. Erst kürzlich beschwerten sich darüber DEFA-Prominente in ihrem Ostberliner Klub und richteten recht massive Angriffe gegen die von dem soeben durch das ZK der SED rehabilitierten Genossen Anton Ackermann – er war nach dem 17. Juni 1953 bei Ulbricht in Ungnade gefallen – geleitete Hauptverwaltung. Ständig müßten sich Regisseure Eingriffe staatlicher oder Parteistellen in ihre Arbeit gefallen lassen, deren Ergebnis dann oft noch verändert oder aus Furcht vor SED-Kritik zurückgehalten werde. Der künstlerisch bestrenommierte Martin Hellberg und sein junger Kollege Konrad Wolf, ein in der Sowjetunion zum Regisseur ausgebildeter Sohn des verstorbenen Schriftstellers Friedrich Wolf, die sich zu Wortführern der Babelsberger Opposition gegen die Ostberliner Filmplaner machten, warfen der Hauptverwaltung Film deren „gouvernantenhaftes“ Benehmen in der Beurteilung westlicher Filme vor, das sie daran hindere, einen Überblick über die Weltproduktion zu gewinnen und daraus zu lernen. Selbst volksdemokratischen Streifen gegenüber verfahre man „ungemein pedantisch“ und lasse sie oft nicht die Hürde der „im stillen Kämmerlein“ absolutistisch ihre Entscheidung treffenden Abnahmekommission passieren.

Die gärende Unzufriedenheit gerade junger Künstler machte sich unlängst auch auf einem Kongreß Junger Künstler in Chemnitz Luft. Der begabte junge Lyriker und Satiriker Heinz Kahlau, ein 25jähriger Schüler Brechts, verwies in seinem dortigen Diskussionsbeitrag auf die fruchtbaren Aussprachen in Polen und postulierte: „Die Kunst braucht die geistige Freiheit, die Kunst braucht Toleranz.“ Er kritisierte die schematisch an sowjetischen Vorbildern orientierte Entwicklung der vergangenen Jahre in der „DDR“ und stellte fest: „Bis auf wenige Ausnahmen wurden die Künstler zu Ausrufern von Parteibeschlüssen, von Regierungsverordnungen. Sie machten Kunstwerke über diese oder jene Maßnahme, Begebenheit oderThese, rechtfertigten die Fehler und ignorierten die Wirklichkeit. Eine Unzahl von Werken jedoch, deren Schöpfer den Kommunismus für den einzig richtigen Weg der Menschheit halten, liegen in ihren Schränken und werden nicht veröffentlicht.“

Die SED-Presse und ihre Parteigänger auf dem Kongreß wußten der intelligenten Argumentation des unbequemen Opponenten nichts anderes entgegenzuhalten, als an seinem „existenzialistischen“ Habitus Anstoß zu nehmen, was Kahlau zu dem Zugeständnis veranlaßte, sich vor seinem zweiten Auftreten den Bart abnehmen zu lassen! Der Streit um den Bart des Lyrikers war fast mehr als eine lächerliche Episode. Er kennzeichnete die beiden Lager: auf der einen Seite an jahrelang propagierten vorgefaßten Meinungen klebende Kunstspießer, deren vorgebliche „Fortschrittlichkeit“ in Wirklichkeit Reaktion bedeutet – auf der anderen Seite junge ehrlich ringende Künstler, die unter Sozialismus nicht Erstarrung und Unfreiheit verstehen und sich aus Protest gegen die kollektivgläubigen Patentmarxisten manchmal bewußt bohémienhaft geben.

Welcher Wandlungsprozeß sich heute in der Literatur der Jungen jenseits der Zonengrenze vollzieht, dafür ist ein in der jüngsten Ausgabe der Kulturbund – Zeitung Sonntag veröffentlichtes Gedicht von Armin Müller besonders lebendiger Ausdruck. Müller, Jahrgang 1928, der hier bei ihm ungewohnte dichterische Töne findet, war als in einem billigen Plakatstil schreibender FDJ-Barde bekanntgeworden. In einem von der Redaktion abgedruckten Brief verwahrt er sich gegen den Vorwurf, daß sich die Schriftsteller willig dem Druck der Dogmatiker gebeugt hätten und sein Gedicht als Entschuldigungsversuch aufgefaßt werden könnte: „Ich habe meine Nase erst in die Literatur gesteckt, als die Wegschilder der Dogmatiker schon aufgestellt waren. Ich kam blind aus der Vergangenheit, erlebte voller Hoffnung die Veränderungen, erlebte sie aktiv. Ich hatte keine Veranlassung, an der Nützlichkeit der Schilder zu zweifeln. Ich machte mit und war der festen Überzeugung, dem Neuen durch meine Verse zu dienen. Wo, ich bitte euch, hätte der Widerstand, von dem ihr sprecht, herkommen sollen? Manchmal freilich, sehr spät erst, bekam ich Atemnot, fühlte ich mich unglücklich. Ich habe lange Zeit nicht gewußt, warum mir kein Vers mehr gelang. Erst heute weiß ich es.“ Der „Fall Müller“ ist sicher typisch für die psychologische Situation vieler junger Menschen in der Sowjetzone.

Die die Künstler in Ost und West bewegenden Probleme und ihr Suchen nach gemäßen Ausdrucksformen sind nicht gar so verschieden, wie das in einer Zeit der durch den Eisernen Vorhang bedingten Entfremdung scheinen konnte. Auch die Kultur ist letzten Endes unteilbar. Sie achtet am wenigsten die von den Diktaturen gezogenen künstlerischen Grenzen. Sie wird diese Grenzen auch in unserem geteilten Land überwinden. Heinz Kersten